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„Wir können nichts über die Wahrnehmung des anderen sagen“

10.06.2012

Oranerie / Karlsaue

dTOUR „Zeit vermessen, Raum kartieren, Sequenzen erzeugen“ mit dem Worldly Companion Tim Pickartz

Tim Pickartz

In Bezugnahme auf Donna Haraway begegnet ein Teil der Exkursionsgruppe in Tim Pickartz auf der dOCUMENTA (13) einem sogenannten „Worldly Companion“ – einem weltgewandten Begleiter. Der Begriff beschreibt jede Form von Organismus als auf seine spezifische Weise der Welt ausgesetzt und zugewandt. Folglich beschränkt sich das Angebot an solchen Begleitern auf der dOCUMENTA (13) nicht nur auf Menschen – es werden auch Hunde bei dTOURS eingesetzt. Die dTOUR „Zeit vermessen, Raum kartieren, Sequenzen erzeugen“ in der Orangerie & Karlsaue begleiten lediglich Menschen. Tim Pickartz beschreibt seine Kollegen und sich dabei entgegen der medialen Darstellung im Vorfeld zur dOCUMENTA (13) als Experte aus einem von vielen unterschiedlichen Bereichen. Als Dozent für Kunstvermittlung mit Kunsttheoretischem Studium findet er sich dabei als Exot unter den 150 Worldly Companions, die im Idealfall außerhalb der Ausstellungszeit in Bereichen tätig sind, die einer Klassifizierung um den Begriff Kunst üblicherweise entgehen. Die gebuchte dTOUR war seine erste auf der dOCUMENTA (13).

 

Im Nachfolgenden einige Ergebnisse der Befragung des Worldly Companion, die einen Großteil der dTOUR ausmachte:

 

Wie wurde Tim Pickartz Worldly Companion:

 

Zum Arbeitsverhältnis der Worldly Companions:

  • freiberufliche Anstellung bei Avantgarde Sales & Marketing Support GmbH
  • abgeleitet aus feministischen Theorien wird die Beschäftigung einer kommerziell orientierten Firma damit begründet ihr möglicherweise „etwas zu geben“
  • 150 Wordly Companions (wovon 30 die 10-stündige „Ausdauer dTOUR“ begleiten http://shop.documenta.de/shop/bookingevent/single )
  • Entlohnung für eine zweistündige dTOUR: 70€ brutto von insges. bezahlten 160€
  • Unterkunft ist nicht gestellt

 

Das Briefing/die Ausbildung:

  • Wochenendkurse bis zu 14h am Stück
  • Insges.: ca. 100h Schule, 100h Lektüre
  • Auseinandersetzen mit Theorien von Martin Heidegger, Walter Benjamin, Josephine Butler, u.a. (das Glossary umfasst Texte von 2000 v.Chr. bis heute)
  • Testführungen vor leeren Ausstellungswänden und Karlsaue. Ergebnis: kollektive Kritik durch „Head of Maybe-Education“ Julia Moritz: zu affirmativ, zu wenig dekonstruktivistisch
  • erste Auseinandersetzung mit künstlerischen Positionen (vor Ort) am 06.06.2012 (09.06. offizielle Eröffnung)
  • Testführung vor leeren Wänden und Auen
  • Freiheit bezüglich der Gestaltung der dTOUR (es wäre auch ein Picknick möglich)
  • bewusster Aufruf zur Subjektivität (mit der Einschränkung dabei nicht zu negativ zu werten oder zu beschreiben)

Ergebnis: Von Tim Pickartz empfundenes Ziel der Ausbildung war es, selbst wie die dOCUMENTA (13) zu denken.

Er bezog sich in seinen Schilderungen immer wieder auf die Leiterin der Dokumenta Christov-Bakargiev als Stifterin einer Linie, die durch die Instanzen nach unten weitervermittelt wurde. Auch die Termini Führer und Führung sollten eigentlich zu Gunsten der Begriffe „Worldly Companion“ und „dTOUR“ vermieden werden, was für Tim Pickartz selbst nicht zu leisten war.

Er selbst empfand die Ansätze für die dTOUR als sehr interessant, aber in der Praxis nicht umsetzbar, da es unmöglich scheint, aus den Rollen Ausstellungsführer und interessierte Ausstellungsbesucher, die mehr über bestimmte Werke wissen wollen, auszusteigen.

 

dTOUR-Choreografie:

  • offener Beginn (Besuch der Orangerie optional)
  • zügiger Besuch der Orangerie aus organisatorischen Gründen (Vielzahl an Schulklassen) verzögert durch das Interesse der Exkursionsteilnehmer
  • optionale Angebote

 

Maybe-Vermittlung

Dem kuratorischen Prinzip folgend soll eine Beschäftigung mit künstlerischen Positionen prozessual stattfinden, d.h. Wissen und Ansichten stehen im Idealfall im ständigen Diskurs

  • bewusst wenig Faktenwissen
  • Wissen aus Gesprächen mit Künstlern (Jeronimo Voss in der Orangerie)
  • häufiger Verweis auf das „Das Begleitbuch / The Guidebook“ als Antwortgeber für Detailfragen

Beispiele:

  • Massimo Bartolini: Untitled (Wave) – Vorbereitendes Briefing: konzentriert auf das technisch-mediale „Ich werde ein Loch graben. Darunter ist ein Mechanismus, das das Wasser in Schwingung versetzt.“ vgl. http://www.youtube.com/watch?v=vlN5kxKYpi0
  • Song Dong: Doing Nothing Berg – Biomüll statt Hausmüll aufgrund eines Verbots durch das Umweltamt / darauf Bonsaikulturen / Schriftzeichen, die laut Kollegin auf vielfältige Weise übersetzt (30 mögliche Übersetzungen) zum „schwachsinnigen Tun“ auffordern / eingegrabener Topf
  • Maria Loboda: Tribute to an Emperor – Referenz zu Shakespeares „Macbeth“ / Lieblingsarbeit in der Karlsaue.
Maria Loboda: Tribute to an Emperor
  • Sam Durant: Scaffold – Galgenkonstruktion aus neun verschiedenen übereinander rekonstruierten Galgen / Die Metallplattform ist eine Nachbildung der Konstruktion an der Saddam Hussein hingerichtet wurde. Den Grund dafür, dass sie die Unterste ist vermutet Tim Pickartz in dessen Größe. (Siehe dazu auch: http://d13.documenta.de/fileadmin/PDFs/sddponlinebklt.pdf)

Ergebnis: Zum Teil begegnet der uninformierte Besucher künstlerischen Arbeiten auf Augenhöhe mit dem Worldly Companion, da dieser im Vorfeld entweder keine Gelegenheit hatte sich Wissen anzueignen, es absichtlich unterließ, oder es absichtlich zurückhält.

Häufig werden aber klassisch Referenzen (wie im Fall Maria Loboda) und Erklärungen (Sam Durant) gegeben, durch die ein Sinngehalt erst vermittelt wird.

Durch subjektive Wertungen werden zudem Bedeutungshierarchien gestiftet („Das ist eine meiner Lieblingsarbeiten.“, „Das ist vielleicht mein Lieblingskünstler auf der dOCUMENTA.“, „Mit der Beschreibung konnte ich nichts gar nichts anfangen, das war so blabla. Jetzt wo ich es sehe finde ich ist es eine ganz interessante Arbeit“.)

Zu seinen Favoriten zählte er auch eine Arbeit, bei der ein Darsteller sich in der Gegend um die Orangerie aufhält und als Schriftsteller ausgibt. Die künstlerische Position, die demnach zu ihrem wesentlichen Teil daraus besteht nicht als solche erkannt zu werden, wird durch den Hinweis dessen beraubt. Ist ein nicht wahrgenommenes Kunstwerk ein Widerspruch in sich?

 

Der vermittelte Kunstbegriff

Als bisheriges Ergebnis seiner Beschäftigung als Worldly Companion bot er uns einen  integralen Kunstbegriff der dOCUMENTA (13) an: „Maybe-Kunst“.

Holzskulpturen, Berge aus dem Material Biomüll, Quantenphysik – alles was auf der dOCUMENTA (13) angeboten wird ist vielleicht Kunst, d.h. die Unterscheidung zwischen Kunst und nicht-Kunst ist in der dOCUMENTA (13) in der Auflösung begriffen.

In diesem Punkt widerspricht er der Leitenden Kuratorin Christov-Bakargiev vgl.: Carolyn Christov-Bakargiev zu Ausstellungsschildern, feministischen Fragestellungen und den Kategorien Kunst und Wissenschaft

  1. bkb
    Juni 20, 2012 um 10:43 am

    Ein Artikel von Tim Pickartz mit dem Titel „’I have no idea, what art is!‘ Die dOCUMENTA (13) zwischen Peripherie und Zentrum“, März 2012: http://allover-magazin.com/?p=922

  2. Juni 28, 2012 um 5:57 pm

    Da habe ich doch gerade zufällig mein Bild im Internet gefunden. Sehr schöne Zusammenfassung unserer dTOUR. Ich würde gerne einige kleine Ergänzungen machen, die ich möglicherweise nicht ganz korrekt dargestellt habe und/oder mittlerweile nach etwa 25 weiteren dTOURS anders sehe:
    – Zu „denken wie die documenta“ und „nicht zu negativ darstellen“: wir sind tatsächlich frei in unserer Darstellung und wurden auch nicht eingenordet, allerdings ist es fraglich, ob es Sinn macht, eine Ausstellung zu vermitteln, hinter der man nicht zumindest in weiten Teilen stehen kann.
    – Ich halte das Konzept der dTOUR sehr wohl für durchführbar und auch für sehr wichtig und zeitgemäß. Aber: es stimmt, dass ich es für sehr schwierig umzusetzen halte. Das liegt zum einen an uns Companions, die Strategien erlernen müssen und auch den Mut und die Kraft diese ein- und umzusetzen, vor allem aber auch an der Erwartungshaltung des Publikums. Gerade heute wurde ich aufgefordert, keine Fragen zu stellen, sondern mein „Standardprogramm“ abzuspulen. Sollte ich bei diesem Kunden (!) Kraft investieren oder Erwartungen erfüllen?
    – Jede dTOUR ist anders. Und eure/unsere war sehr speziell: nicht nur weil es meine erste war, sondern auch, weil ihr euch tatsächlich oft mehr für Strukturen und Hintergründe als die Werke an sich interessiert habt. Meine Offenheit auch über Kritisches und Finanzielles zu sprechen ist natürlich auch ein „detour“ und sicherlich kaum eine affirmative sondern eher eine dekonstriktive Form der Vermittlung, die mir mein Arbeitsverhältnis auch ermöglicht.

    Abschließend möchte ich mich nochmal bei euch bedanken. Diese erste dTOUR war eine echte Erfolgstour für mich, und solltet ihr bis September nochmal nach Kassel kommen, würde ich mich sehr über ein Vermittlungspicknick freuen.

    T.P.

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