Informationsflut?!

documenta[13]

Wie stellt die dOCUMENTA (13) die Bedeutung dessen her, was als – in welchem Maße – relevante Informationen für die Besucher anzusehen seien?

Ausgangssituation:

Der Fokus sollte hierbei auf der sprachlichen aber auch auf der schriftlichen Vermittlung von Informationsmaterialien liegen. Mittels eigener Beobachtungen, der Teilnahme an der, von der dOCUMENTA angebotenen dTour, sowie Befragungen von zufällig angetroffenem Personal der dOCUMENTA, sollte die Zugänglichkeit zu – und Diskursivierungen von – Informationen jeglicher Art untersucht werden. Also: Was soll der Besucher erfahren, wodurch soll er an Informationen gelangen können, wie leicht zugänglich sind diese Informationen und was soll möglicherweise nicht zugänglich sein oder gemacht werden? Und wie findet dies (nicht) statt?

Hierzu wollte ich – so gut wie möglich – die Rolle eines „durchschnittlichen“ Besuchers einnehmen, den ich wie folgt definierte: Ein Mittel zwischen einem „Fachpublikum“, dass sich zuvor umfangreich mittels zahlreicher verfügbarer Quellen (Internet, Zeitungen, Magazine, Fernsehen, Personen, Recherche) informiert und dem absolut unwissenden Besucher, welcher zufällig, ungewollt oder spontan die dOCUMENTA besucht.

Für diese Position entschied ich mich während eines Gesprächs mit Laura Bohnenberger, die mir ihre Themenstellung darlegte und wir bemerkten, dass Laura bereits sehr umfangreich vorinformiert war (im Verhältnis zu mir). Auf Grund dessen erschien es mir als interessant, diese, von mir zuvor beschriebene, Position einzunehmen, um im Nachhinein unseren konträren, stereotypen Positionen dahingehend zu befragen, ob eine andere Bedeutungsgenerierung nahegelegt wird, wenn der Besucher zum Anreisezeitpunkt unterschiedlich umfangreich informiert ist, bzw. ob die gleichen Informationen vor Ort ebenso verfügbar sind/gemacht werden.

Bei den Elemente, welche vor dem Hintergrund „Sprache“ untersucht werden sollten, wollte Laura – und dieser Position pflichtete ich bei – werkimmanente Schriften oder Sprache nicht fokussieren, da unsere Befürchtung darin bestand, damit ein zu breites Untersuchungsfeld zu eröffnen.

Um meine Quellen nachvollziehbar zu machen, sollte ein Fotoapparat sowie ein Notizblock benutzt werden. Das tat ich auch, wobei die Fotos gegebenenfalls leider erst mit ein wenig Verzögerung (ca. 1 Woche) nachgereicht werden könnten.

9.6:

Notizen:

  • dOCUMENTA – Schriftdesign: warum kleines d und der Rest in Großbuchstaben? -> Eine Antwort fand ich in der Kunstzeitung (Anm.: ich habe sie in unserer Unterkunft, dem Haus St. Michael in der Ludwig-Mond-Straße 127 in 34121 Kassel, ausgelegt aufgefunden. Die Zeitung wurde mir in den nächsten Tagen aber noch dreimal von Personen, die diese auf dem dOCUMENTA-Gelände verteilten, kostenlos angeboten)
  • Besonders viel Material am Eröffnungswochenende zugänglich? (Anm.: Idee entstand nach dem Treffen mit Christine Kaiser, die mit einem Presseausweis bereits ab dem 6.6 zu gesonderten Informationen Zugang hatte (Pressematerialien).)
  • Ich fragte mich, ob die dOCUMENTA ein Thema hat. Mit meinem Handy fand ich via Internet und der Suchanfrage bei google.com „Thema documenta 13“ die Antwort. Dem ersten Hit zu wikipedia.de folgend, konnte ich lesen, dass „collapse and recovery“ das Leitmotiv sei. (http://de.wikipedia.org/wiki/DOCUMENTA_%2813%29) (Anm.: Auf Plakaten [vgl. Blog https://lmuatdocumenta13.wordpress.com/; bkb vom 12. Juni 2012]  konnte ich dieses Motiv nicht finden, generell wäre hier weiter zu fragen, warum es überhaupt dieses Thema gibt und warum oder ob es tatsächlich schwer zugänglich ist; auf dem Plakat ist zu lesen: dOCUMENTA (13) EINE KUNSTAUSSTELLUNG IN KASSEL…)
  • Eintrittskarten? Zufällig über Kommilitonen mit einer App-Funktion der dOCUMENTA erfahren, dass man Eintrittskarten direkt am Bahnhof Wilhelmshöhe in Kassel kaufen kann (Anm.: ich hatte diese App nicht, wusste auch nicht, dass sie existiert. Keine weiteren Hinweise auf verfügbare Tickets am Bahnhof, aber bereits auf dem Bahnsteig am Boden zwei gelbe dOCUMENTA-Schriftzüge. Ich war also in der richtigen Stadt. An einer Litfaßsäule vor diesem Bahnhof auch eines der dOCUMENTA Plakate (vgl. Blog, siehe oben), welche sich häufig in der Stadt platziert, über unseren weiteren Aufenthalt hinweg, wiederfinden ließen.)
  • Bei der Kartenausgabe erhielten wir eine documenta Broschüre mit Plänen der Ausstellungsorte/Räume/Areale. Allerdings nur zehn Stück. (Anm.: auf Nachfrage von bkb wurde kommuniziert, dass nicht genügend Exemplare vorhanden seien. Auch im Nachhinein waren nicht an allen Ausgabestellen (Buchläden, Auepavillions…) ausreichend Exemplare vorhanden.)
  • Mir fielen bei meinem Besuch im Fridericianum sehr viele unterschiedliche, nicht einheitliche Arten der Werkbeschriftung auf. Alle Arbeiten sind mit weißen Schildern aus Papier mit schwarzer, aufgedruckter Schrift versehen (bis auf eine Ausnahme, bei der mir auffiel, dass es sich um Handschrift handelte). Größe, Sprache (Anordnung englischer/deutscher Text) [Fotos werden nachgereicht; es gab z.B. zwei durch einen Absatz deutlich separierte Abschnitte, wobei einer in Englisch, der andere in Deutsch verfasst wurde. Oftmals wechselte die Sprache aber auch von Wort zu Wort (Materialaufzählung) oder von Satz zu Satz.] und über was informiert wurde, variierte stark. Eine ausführliche Materialbeschreibung fiel im Gegensatz dazu als Konstante auf. [Anm.: Erst nach meinem Besuch im Fridericianum, in dem ich einige Besucher wahrnahm, die mit dicken, moosgrünen Büchern herumliefen und vereinzelt vor Arbeiten etwas darin nachschlugen, wurde mir deren Existenz bewusst. Aus dem Nachschlagen der Besucher vor den Arbeiten schlussfolgerte ich, dass hier wohl einige Informationen zu finden sein müssten. Nach meinem Besuch fand ich schnell einen Buchladen auf der Grünfläche vor dem Fridericianum. Als durchschnittlicher Besucher wollte ich mir allerdings keinen Katalog (3/3) für 24 € (?) kaufen, den ich dann zusätzlich die ganze Zeit tragen müsste; Verweis auf die exakte Beschriftung des(r) Kataloge : Das Begleitbuch/The Guidebook Catalog/Katalog 3/3 und Das Logbuch Katalog 2/3 sowie Das Buch der Bücher Katalog 1/3 (Quelle: http://www.buecher.de/shop/kassel/documenta-13-das-logbuch-katalog-1-3/broschiertes-buch/products_products/detail/prod_id/34442068/ )]
  • Ein Aufseher konnte mir keine Auskunft über ein Objekt geben, da er selbst weder informiert noch interessiert sei. Er sollte nur darauf aufpassen, dass die Arbeit nicht angefasst wird.)
  • Bei den fünf Experimenten des Quantenphysikers Anton Zeilinger erhalte ich von seinen Studenten der Universität Wien ausführliche Informationen. Sie beantworten sowohl Fragen zum Experiment, als auch über Hintergründe ihrer Anwesenheit auf der dOCUMENTA (ob sie sich/oder Bekanntenkreis nicht fragen würden, warum ein Physik-Experiment auf einer Kunstausstellung sei) oder über Anweisungen, die sie von Carolyn Christov-Bakargiev (CCB) erhalten haben.
  • Eine weitere Aufsichtsperson, die ich fragte ob sie mir Informationen erteilen könne, berichtete dass sie dazu angehalten sei, dies nicht zu tun (durch Mitarbeiter von CCB) und dass sie ohnehin Nichts wisse. (Anm.: Auch der Tatsache geschuldet, dass die Aufsichtspersonen regelmäßig ihre Positionen wechseln und es sich erst um einen der ersten dOCUMENTA Tage handelte.
  • Zu der dritten Aufsichtsperson an diesem Tag nahm ich Kontakt auf, um zu fragen ob ich die, zu einer Arbeit gehöhrenden Teppiche, welche auf dem Boden lagen, betreten könne. Dies wurde von der Aufsichtsperson bejaht.
  • Es ist auffallend viel Schrift in zahlreichen Arbeiten zu finden [Anm.: Auf welchen Mechanismen beruht meine a priori vorgenommene Ausklammerung der werkimmanenten Sprache? Wo liegt eine mögliche Grenze? -> CCB bestimmt/reglementiert Diskursivierungen (auch Schrift in den Bildern, da sie die Künstler bestimmt, aber sie hat keinen Einfluss auf das exakte Wesen der Schrift/Sprache (zusätzlich dadurch nicht, dass die meisten Arbeiten auch erst für die dOCUMENTA (13) entstanden sind)]

Spätestens am Abend, nach dem Austausch mit der Exkursionsgruppe, erschien mir mein Forschungsdesign extrem fehleranfällig (Unmöglichkeit der Rolle des durchschnittlichen Betrachters irgendwie gerecht zu werden) und nicht zielführend (warum klammere ich die werkimmanente Sprache aus) zu sein. [Anm.: Ab dem 10.6, nach unserer dTour-Teilnahme, welche bis etwa 12 Uhr dauerte, verlor ich meinen Untersuchungsfokus aus den Augen. Dies war zunächst der Tatsache geschuldet, dass mir am Vortag ohnehin schon Zweifel an der Zielgerichtetheit meines Designs gekommen waren. Diese Zweifel wurden allerdings durch unseren Worldly Companion (= Synonym für „Tourguide“, in dem offiziell von CCB festgelegtem Vokabular [z.B. auch Katalog-Betitelungen, die Bezeichnung „maybe education“ für die Ausbildung der Worldly Companions…]) [Anm.: unser Worldly Companion Tim Pickartz unterließ es nicht, jeden, der ihn „Tourguide“ nannte, erneut darauf zu verweisen (wenn auch ironisch, so wollte er definitiv nicht von uns anders genannt werden), dass er ein Worldly Companion sei.) verstärkt. Die Gründe hierfür sind mir nicht exakt klar, jedoch war es, neben seinem Bericht über die Unvollständigkeit zahlreicher Hinweisschilder der Werke, vor allem die Flut an Informationen, wie er von CCB angewiesen worden sei sich zu verhalten, die mich überforderte. Die vielen Arbeiten, Ausstellungsorte und Gespräche mit Kommilitonen sowie anderen Personen,  trugen ebenso dazu bei, dass ich im Folgenden meinen Untersuchungen nicht weiter nachging.]

Mit ein wenig Distanz zu den zahlreichen Eindrücken, denke ich, dass es durchaus sehr interessant war – bzw. wäre – meiner Anfangsfragestellung nachzugehen. Eine Erweiterung des Fokus von den Betitelungen und Infobroschüren hin zu einer genaueren Betrachtung der Informationen, welche durch CCB kommuniziert werden und welche folglich wie und wo in schriftlicher Form aufbereitet werden, bzw. welche Informationen möglicherweise auch ausschließlich schriftlich oder in zu kommunizierender Form vorhanden sind. Eine solche Untersuchung lässt keine künstlichen Grenzziehungen zu. Es gibt keine Grenze zwischen einer Medienanalyse und der Information, die von CCB kommt. Keine Grenze zwischen Schrift im Werk und Schrift nicht im Werk. Die Annahme, dass es zahlreiche Variablen gibt, die die Bedeutung dessen generieren, was der Besucher auf der dOCUMENTA (13) vorfindet, ist notwendig. Die von mir vorgenommene Fokussierung würde mir nur in einem verstärkten Austausch (mit der Exkursionsgruppe [auch schon vor Ort]) als gewinnbringend erscheinen, da dies dazu beiträgt, die Variablen der Sinnbildungsprozesse, welche durch die dOCUMENTA nahegelegt werden, zusammenzuführen. Auch nach einer nachträglichen Lektüre der Tagespresse sowie eines Auszugs aus einem Gespräch CCBs mit Besuchern der dOCUMENTA (siehe Blog: Gespräch am 11.06.2012, 10:45 / Fridericianum, skripiert von rebastille am 12. Juni 2012; https://lmuatdocumenta13.wordpress.com/: z.B.:

Frage aus der Gruppe:  [schwer verständlich, etwas zu fehlenden Daten bezüglich Geburtsdaten der Künstler und Nationalitäten]

C C-B: Um, on the signage , well you can see it in the guidebook. I think that if you really want that information it‘s in the guidebook you can see it in our website, but anyway. But I like art to be in a way somehow timeless, and somehow… well you can see the date of the work, so… .[…]”

Oder:

„Frage aus der Gruppe: [Nachfrage zum Thema Nationalität]

C C-B: The nationality, um it‘s in the guidebook. It‘s always in the guidebook. I don‘t really like labeling[…]) scheint mir das WIE eines Informationszugangs wichtiger und interessanter Aspekt für die Sinnbildungsprozesse zu sein, welche durch die Kuratorin über die Plattform der documenta sichtbar gemacht werden.

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