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Kommunikationssysteme der d(13)

…beobachtet von Giselle Huber.

Welche Kommunikationssysteme wendet die dOCUMENTA (13)  an?

Ursprünglich wollte ich mich mit der Bedeutung der zum Einsatz bringenden Sprache auseinandersetzen. Da ich diese aber größtenteils überhaupt gar nicht vorfinden konnte, habe ich mich gefragt, ob und wie die dOCUMENTA (13) andere Kommunikationssysteme zwischen Kunstwerk und Rezipient anwendet. Bestärkt zu diesem Entschluss wurde ich zuletzt von einem Zitat von Carolyn Christoph-Bakargiev, gelesen in der Kunstzeitung von Lindinger+Schmid, die man freundlicherweise umsonst erhalten.

„Die dOCUMENTA (13) schlägt Paradoxe vor, die Wege des Sprechens ohne Sprache, des Handelns ohne Handlung und eine archäologische Perspektive, nach der jedes fortschreitende kulturelle Projekt auf einem rückwärts gewandten Blick, auf einer ökologischen Beziehung zur Vergangenheit beruhen kann.“ Aus „Brief an einen Freund“

Ich muss im Vornherein auch gleich hinzufügen, dass ich mich innerhalb der drei Tage intensiver in der Aue aufgehalten hab, und dass dies meine Beobachtungen mit Sicherheit auch beeinträchtigen, speziell was die klassischen Ausstellungsräume in den Museen betrifft. Das mag daran liegen, dass mir die Kunstwerke dort auf subjektive Weise besser gefallen haben, oder aber, weil sie tatsächlich „viel aufregender“ waren.

Anders als in den herkömmlichen Ausstellungen gelangte der Rezipient auf der dOCUMENTA (13) auf unterschiedliche Weise in einen Informationsaustausch mit den Kunstwerken: auditiv, visuell, taktil und emotional. 

Als Beispiel möchte ich eine Soundinstallation nennen, die sich in einer Lichtung in der Karlsaue befindet:

Janet Cardiff & Goerge Bures Miller,  for a thousand of years

Dieses Kunstwerk hatte ich nur deshalb gefunden, weil ich zufällig an diesem Waldstück vorbeigelaufen bin und laute Geräusche und Musik gehört habe. Es gab weder ein Hinweisschild noch einen Wärter der mir den Weg gezeigt hat. Ich wurde also allein von der Neugier angetrieben, genauso wie viele andere Besucher. Man hatte die Möglichkeit sich in dieser Lichtung auf Baumstämme zu setzen, die Augen zu schließen und einfach zuzuhören. Die Audiokomposition führte den Zuhörer von einer Situation in die nächste: herabstürzende Bäume, Schüsse, aufkommende Stürme, vorbeifahrende Züge usw. Durch die perfekte Koppelung der Lautsprecher ergab sich ein dreidimensionaler Raum, und mit ein wenig Phantasie konnte man sich z.B. den Zug so real vorstellen, dass man vor lauter Schreck die Augen aufreißen musste, um sicher zu gehen, dass man nicht doch plattgewälzt wird. Dies alles erschloss sich dem Rezipienten allein aufgrund seiner Vorstellungskraft und seinem Hörvermögen.

 

Cevdet Erek, Raum der Rythmen 

Befindet sich im 3. Obergeschoss des C&A-Gebäudes in Kassels Innenstadt. War ein komisches Gefühl, zuerst war man im chaotischen 2. OG des Kaufhauses, in der nachwievor der Handel betrieben wurde, und dann auf einmal in einer leeren Halle, bis auf zwei Tische und Stühle, einem langen weißen Vorhang, der wohl zur Raumabgrenzung dienen sollte und hier und da ein Lautsprecher, aus dem tiefe Bassklänge kamen. Der Betrachter weiß zunächst nicht, wie er mit diesem Kunstwerk umgehen soll, auch ich spazierte zuerst orientierungslos durch die Halle, bis ich den Lageplan und damit eine bewusst Raumeinteilung wie „Internationaler Stil“ oder „Soundschleuse“ fand. Mit dieser Information schlendert ich wiederum durch die Halle, um evtl. hier und da Unterschiede herauszuhören, was zum Teil auch der Fall war.

„Mit Raum der Rhythmen fordert Erek unsere Seh-und Hörwahrnehmung heraus, indem er die Bewegung des Körpers in den Raum als Weg zur körperlichen Erfahrung abstrakter Ideen integriert.“ (Das Begleitbuch)

 

Mika Taanila, The Most Electrified Town in Finland 

Untergebracht in der technologischen und wissenschaftsgeschichtlichen Sammlung der Orangerie. Dokumentiert in Zeitraffer den Bau des leistungsstärksten Atomkraftwerks und das Alltagsleben der Anwohner. Gerade nach aktuellen Katastrophen wie Fukushima oder Tschernobyl ein Kunstwerk, dass auf eigenartige Weise den Aufbau einer weiteren Risikofaktors mit verfolgt und dem Zuschauer mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt.

 

Pedro Reyes, Sanatorium

Mit eine der aufregendsten Erfahrungen auf der dOCUMENTA (13), weil so gar nicht wirklich klassisch künstlerisch. Das Sanatorium, gelegen im Herzen der Karlsaue, behandelte den Besucher wie einen Patienten, d.h. man wurde ähnlich wie in einer Praxis in der Eingangshalle empfangen und musste anschließend aus einem vielfältigen Angebot an Therapien wie z.B. vaccine against violence (Wutbewältigung, indem man einen Luftballon kaputthaut), goodoo (wie woodoo, nur umgekehrt), ex-voto (Abbilden emotionaler Erfahrungen und Auseinandersetzungen), cityleaks (anonymer Austausch von Geheimnissen).

Ich habe mich für eine goodoo-Therapie entschieden und folgte einem französischen Studenten, den ich aufgrund seines weißen Kittels als Therapeut identifizierte, in den goodoo-Raum. Dort wurde mir erklärt, dass ich einem lieben Menschen mit Hilfe von 5 Symbolen (ähnlich wie die Anhänger von Glücksarmbändern),  Gutes wünschen soll. Ich solle mir zu jedem Symbol eine Erklärung ausdenken und an welchen Stellen des goodoo-Puppenkörpers ich es anbringen will. Als Abschluss musste ich diese Wünsche aktivieren, indem ich mit gekreuzten Zeigefingern über die Punkte gehen solle und mich intensiv konzentrieren solle.

Ich muss zugeben, ich kam mir furchtbar lächerlich vor. Einer wildfremden Person etwas Intimes oder Persönliches zu erzählen, zumal es nicht mal im ernsthaften Rahmen einer wirklich Therapie passierte, hinterließ ein komisches Gefühl bei mir. Aber ein ordentlich Eindruck. Kommuniziert wurde hier auf einer fiktiven Ebene (man solle sich was ausdenken, manche Besucher logen auch).

 

Tino Sehgal

Eine Performance, die man im einem komplett abgedunkelten Raum im Hugenottenhaus, erleben konnte. Auch hier findet man kein Hinweisschild oder eine Erklärung, wie man sich zu verhalten hat. Von draußen betritt man einen schwarzen Gang uns biegt am Ende nach links ab und findet sich einem so schwarzen Raum wieder, in der man selbst die Hand vor Augen nicht sehen kann. Dafür kann man umso mehr hören: aus unterschiedlichen Stellen des Raumes ertönen Geräusche und Klänge, erzeugt von Menschen, ähnlich wie bei einer a cappela-Gruppe. Obwohl ich anfänglich ein beklemmendes Gefühl hatte, etwa wie in einer Geisterbahn, in der man auch fürchtet, was als nächstes kommt), gewöhnten sich meine Augen bald an die Dunkelheit und Tänzer wurden erkennbar.

 

Es gab neben obengenannten Beispielen noch viele andere Kunstwerke die den Betrachter auf unterschiedliche Weise herausgefordert haben.

Resultat:

Auf der dOCUMENTA (13) sind verschiedene Wahrnehmungssysteme erforderlich. Das „Sehen“ allein reicht nicht mehr aus, damit sich die Kunstwerke einem erschließen.

Durch verschiedene Kommunikationssysteme werden Rezipienten auf verschiedenen Ebenen (psychisch, Kinderstadium, emotional, auditiv, taktil, visuell, wissenschaftlich) erreicht.

Mal fühlt man sich wie ein Kind auf Entdeckungstour, mal als  hilfebedürftiger Patient, mal ertappt man sich weil man allein wegen seiner Vorstellungskraft real von irreal nicht mehr unterscheiden kann, mal hat man auf einmal Angst vor Dunkelheit.

Den „normalen“ Informationsaustausch zwischen einem Kunstwerk und mir konnte ich hauptsächlich in den klassischen Ausstellunghäusern finden, welche wiederum kaum Interesse in mir geweckt haben, so dass ich wie anfangs erwähnt, den Kern Barkagievs Aussage hauptsächlich in der Karlsaue und den anderen Austellungsräumen abseits der Hauptschauplätze fand.


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