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Archive for Juli 2012

Doppelung und Koppelung von Orten. Ortspezifik

Ursprünglich wollte ich mich genauer mit dem Maybe-Education-Konzept auseinandersetzen. Vor Ort fand ich die Ortspezifik der Einzelwerke so stark und spannend, sodass ich mich nun darauf konzentrierte.
Die Documenta 13 ist die bisher größte Documenta, die es je gab. In der ganzen Stadt wurden Räume, Orte und Häuser gefunden, die nun Teil der Documenta sind. Diese öffentlichen Orte werden im Kontext zu den Werken zu Ausstellungsflächen. Viele Arbeiten wurden speziell für die Documenta in Auftrag gegeben. So hatten die Künstler Zeit sich mit der Geschichte Kassels und den Orten im Einzelnen auseinanderzusetzen. Einige von den Werken entstanden auch direkt vor Ort.
Für mich war überraschend, dass manche Werke ohne diesem Ort gar nicht funktionieren könnten, wie zum Beispiel von Janet Cardiff und Georges Bures Miller der Video- Walk. Man wird von einem I-Pod angeleitet durch den Bahnhof zu laufen und sieht auf dem Abspielgerät denselben Ort. Vergangenheit und Gegenwart treffen am gleichen Ort aufeinander. Man stellt Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart her. Mansche Elemente vermischen sich, sodass es zu einer Gleichzeitigkeit des Ortes kommt.
Ebenfalls im alten Bahnhof ist die Arbeit von William Kentridge. Sein Raum mit fünf Projektionen und einer Atmungsmaschine behandelt unter anderem das Thema der Zeit. Es geht um Zeit, Zeitvermessung, Zeitregulierung, Zeitzerlegung, Beschleunigung und um eine immer gleichbleibende Konstante (Atmungsmaschine). Auch um das Industriezeitalter. Ich verbinde mit einem Bahnhof oft Hektik, Aufbruch, Durchreise, Zeitdruck, Verspätung und Warten. Viel Fremdes und Neues, Ankunft und Abfahrt. Der Bahnhof selbst wurde im Industriezeitalter ein immer wichtiger werdender Faktor.
Im Fridericianum, im ältesten Museum Deutschlands, einem der Hauptgebäude auf dem Friedrichsplatz befindet sich im Erdgeschoss der White Cube. Der Wind weht von der Decke auf den Besucher, es ist wie ein frischer Wind. In der Rotunde ist das Brain von Carolyn Christov-Bakargiev. Durch ihre Sammlung wurde die Documenta für mich verständlicher. Die Kunstwerke sind autonom, harmonisieren aber miteinander im Ganzen.
Das Huggenotten-Haus, ein Abrissgebäude und Teil des Grand Hotels behandelt die Thematik des Recycling, die Vernetzung von Dingen aus Chicago nach Kassel und den dort vorgefunden „Müll“ aus Kassel. Im Gegenzug werden Gegenstände wieder mit nach Chicago aus Kassel mitgenommen. Vergänglichkeit und gleichzeitig Erneuerung aus Dingen die bereits existieren in einem Haus, das zum Abriss bereit steht.
Ein weiterer Ausstellungsort befindet sich im Obergeschoss des C& A. Das Kaufhaus, voller Waren, Überfluss und eine Scheinwelt des glücklichen Konsumierens steht der Arbeit von Cevdet Erek mit „Rhytmen“ gegenüber. Ein weißer fast leerer Raum mit Beat, in dem täglich während der Documenta ein Fenster abgehängt wird.
Das Schafott in Karlsaue steht genau auf der Machtline des Parks hin zur Orangerie. Ebenso der riesige Erdhügel von Dong Song. Dadurch wird die freie Sicht gestört und es müssen Umwege gegangen werden.
Die Documenta 13 ist auf der Suche nach neuen Denkansätzen und versucht durch die Aufarbeitung der Geschichte und die Vernetzung der Kunstwerke mit der Vergangenheit des jeweiligen Ortes neue Brücken für die Zukunft zu bauen. Durch die Ortspezifik können manche Werke nur genau an diesem Ort funktionieren. Die Kunst wird flüchtig. Sie wird nicht mehr für die Ewigkeit produziert.
Sandra Zech

Radiobeitrag

Nach Absprache mit Isabella Cramer und Franz Hefele  könnt ihr euch unter diesem Link in der dropbox unseren 45 minütigen Beitrag für radiodelaculturevisuelle anhören. Für die Anmoderation hatten wir darum gebeten, dass erwähnt wird, dass wir weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch Interpretationshoheit haben. Dies gilt weiterhin. Viel Spaß!

http://dl.dropbox.com/u/51856886/LMUd(13).wav

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Künstlerische Leiterin der d(13) begrüßt occupy-Bewegung…

…und lässt durch ihre Pressesprecher folgendes mitteilen:

„Ich begrüße die »doccupy«-Bewegung auf dem Friedrichsplatz, die in den letzten Wochen gewachsen ist. Sie setzt die Welle der demokratischen Proteste fort, die sich über viele Städte der Welt verbreitet hat. Sie realisiert die Möglichkeit, die Nutzung des öffentlichen Raumes neu zu erfinden und scheint mir im Geiste der Zeit zu sein und im Geiste von Joseph Beuys zu stehen, der die documenta und ihre Geschichte stark geprägt hat, und bringt eine andere Idee der kollektiven Entscheidungsbildung und politischen Verantwortung durch direkte Demokratie zum Ausdruck.

Mit dieser Begrüßung möchte ich außerdem die Fähigkeiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausdrücklich bekräftigen, für den Platz zu sorgen und Verantwortung für den Raum zu übernehmen, den sie das Recht haben, zu besetzen, und die Stadt Kassel und die anderen Besucher der documenta zu berücksichtigen, im weltlichen Geist des Entstehens und Werdens.“

8.7.2012

lmuatdoc(13) at Radio 226, Radio de la Culture Visuelle…

…am Mittwoch, 11.7.2012, ab 15h. Es diskutieren Frau Cramer, Frau Schwerdtfeger und Herr Hefele.

Swin with the stream: http://www.peoplezapping.com/places/radio226

Skype the studio to participate: radiodelaculturevisuelle

Dowonload what you miss: http://soundcloud.com/radiodelaculturevisuelle

Performance und Analytischer Wahrnehmungsbericht

Hugenottenhaus fortgeführt – Polizei

Bei den Recherchen für den Radiobeitrag habe ich folgende Meldung der kassel-zeitung, verfasst von Thomas Grund, gefunden. Erstaunlich was passiert, wenn keine Institution hinter einem Projekt steht (wenn es wirklich ein vergleichbares Projekt war …)

http://kassel-zeitung.de/cms1/index.php?/archives/12710-Parallelwelten.html

Kategorien:Uncategorized

Vom Scheitern und der Materialität

„Wie organisiert sie [die Documenta] (als Ausstellung) die Einzelwerke, wie und welche „Meinungs-/ bzw. Deutungsgeneratoren“ (Kataloge, Ausstellungstexte, Führungen, …) setzt sie ein?“
F. H.

Vielleicht zeugt es nicht von bestem Stil, sich gleich zu Beginn selbst zu zitieren, aber hier scheint es mir doch sinnvoll. Das Zitat ist ein Auszug aus meinem Bewerbungsschreiben für die Exkursion zur dOCUMENTA (13). Als das Eröffnungswochenende und damit unsere Fahrt vor der Tür standen und ein konkreter Untersuchungsgegenstand gefunden werden musste, ist mir bei einer Relektüre meines Textes bewusst geworden, dass ich die verwendeten Begriffe der „Meinungs-/ bzw. Deutungsgeneratoren“ nur ungenügend reflektiert hatte. Was genau sie bezeichnen sollten, war mir offenbar auch schon während des Schreibens reichlich unklar – ein Hoch auf die drei Punkte, diese nützlichen kleinen Helferlein dessen, der sich nicht festlegen kann oder will … Ich entschied mich dazu, Abhilfe durch eine Einengung zu schaffen: die textliche Begleitung wollte ich nun in den Blick nehmen, die Schilder, Beschriftungen, Erläuterungen, welche innerhalb der Ausstellungsräume bzw. an den Ausstellungsorten angebracht sind, die Texte, welche Hintergründe vermitteln, die Kontext schaffen, kontextualisieren. Auch dieses Projekt ist jedoch in gewisser Weise und aus unterschiedlichen Gründen gescheitert.
So stellte sich etwa bald heraus, dass meine Fragestellung offenbar nur wenig originell war: eine ganze Reihe von Exkursionsteilnehmern hatte eine ähnliche gewählt. Freilich kann dieser Sachverhalt auch positiv formuliert werden – dafür würde ich auch plädieren: im Kontext unseres Seminars scheint eben dieser Untersuchungsgegenstand sich aufzudrängen. Ich fühlte mich in meiner Wahl folglich durch die Gruppe bestätigt. Ich möchte aus drei Texten, die hier bereits hochgeladen wurden, knapp zitieren: Giselle Huber etwa stellt die Frage nach den „andere[n] Kommunikationssysteme[n]“ der Documenta, nachdem sie ihr ursprüngliches Vorhaben einer Untersuchung der textlichen Begleitung der Ausstellung (ebenfalls) aufgegeben hat. Der Fokus von icxci sollte zunächst „auf der sprachlichen aber auch auf der schriftlichen Vermittlung von Informationsmaterialien liegen.“ Und labomu fragt: „Wie wird Schrift verwendet“? Augenscheinlich versprachen sich neben mir auch andere Exkursionsteilnehmer aufschlussreiche Erkenntnisse von einem Blick auf die textliche Begleitung der Ausstellung. Also habe ich Schilder und Texte gesucht, fotografiert, gelesen, ausgewertet, die vermittelten Informationen erfasst und versucht, die Beziehung dieser Texte zu den jeweiligen Arbeiten zu erfassen. Fokussieren wollte ich gerade auch die Differenzen in der textlichen Begleitung von Werk zu Werk und mir Aufschluss darüber verschaffen, weshalb gerade dieses Schild und dieser Text, diese und jene Arbeit bezeichnet/ begleitet.
Das „Standardschild“ der dOCUMENTA (13) – daneben gibt es etwa Holztäfelchen (im Freien) und teils auch handbeschriebene „Zettel“ – ist von mittlerer Größe, weiß und beschrieben in einer unscheinbaren Type. Zumeist – besser: beinah ohne Ausnahme – liefert es folgende Informationen: Name des Künstlers/ der Künstlerin (hervorgehoben); eine der Arbeit zugeordnete Nummer; Titel; Entstehungsjahr; verwendete Materialien; Auftraggeber/ Sponsoren/ Eigentümer. Manche Arbeiten werden weiterhin von mehr oder weniger ausführlichen Texten begleitet, die mal als Hintergrund, mal durchaus auch als eine Art von Erklärung bzw. Erläuterung begriffen werden können. Außerdem gibt es solche Texte, die nicht Begleittext sind, sondern expliziter Bestandteil der jeweiligen Arbeit (wie diese Texte in Kontrast zur „gewöhnlichen“ Ausstellungsbeschriftung gestellt werden, d.h. wie sie ausgewiesen bzw. kenntlich gemacht werden, wäre freilich interessant zu fragen). Es gelang mir nun jedoch kaum zu klären, weshalb gerade diese und jene Arbeit von diesen und jenen Texten und Schildern begleitet wird, weshalb manche Arbeit dem Besucher „erklärt“ wird und eine andere nicht. Diesen „Nicht-Befund“ möchte ich hier einfach einmal als ( ja auch interessantes) Ergebnis stehen lassen, ich habe ihn nämlich nicht weiter verfolgt.
Eine Beobachtung konnte ich hingegen durchgängig machen: die Schilder geben allesamt ausführlich die je verwendeten Materialien an. Das scheint mir signifikant. Meiner Erfahrung nach wird gerade die Angabe der künstlerischen Technik und der verwendeten Materialien für gewöhnlich in der Beschilderung von Ausstellungen eher stiefmütterlich behandelt. Teils erfährt man darüber nichts und sobald man es einmal nicht mit „Öl auf Leinwand“ zu tun hat, liest man zumeist den einigermaßen unspezifischen Terminus: Mischtechnik – liebe Ausstellungsmacher: darauf kommt der Besucher in der Regel auch selbst. Die Vermutung lag also nahe, dass der Materialität hier womöglich eine besondere Relevanz zugestanden wird. Anhand verschiedener Arbeiten im Fridericianum möchte ich hierzu einige skizzenhafte Gedanken formulieren.

Ich halte es gut für möglich, dass Ryan Ganders Arbeit in der Rückschau als eine der Ikonen der dOCUMENTA (13) gelten wird – diese Prognose ist nicht sonderlich originell, große Teile des Feuilletons scheinen davon ebenfalls überzeugt. Gerade der Umstand, dass die Arbeit sich offenbar fundamental einer überzeugenden Visualisierung bzw. Mediatisierung verwehrt und damit auch dem omnipräsenten Bedürfnis nach einem prägnanten Bild, dürfte sie als Störfaktor, als Punkt der Friktion trotz – oder eben auch wegen – ihrer geradezu lyrischen Qualität in den Köpfen etablieren. Erfüllt wird der linke Flügel des Erdgeschosses (allein) von einem Luftzug und einer Vitrine, in der sich, wie bezeichnend, in Form eines handgeschriebenen Briefes die Absage eines Künstlers an die Leiterin Christov-Bakargiev findet – um Abwesenheit bzw. eine abwesende Anwesenheit geht es also auch hier. Der Besucher bekommt es folglich, wählt er traditioneller Weise das Fridericianum als Startpunkt, gleich zu Beginn dieser Großausstellung mit vermeintlicher Leere zu tun. Die Konfrontation mit greifbarer Materialität, mit (von Künstlerhand) geformtem Material, bleibt gerade aus – darf hierin auch eine Kritik an der Zentriertheit der Kunstwelt auf das Werk erblickt werden?
Im zweiten Stockwerk findet sich eine Installation von Kader Attia, die mir in gewisser Weise der Kontrapunkt zu Ganders Arbeit zu sein scheint. Hier begegnet der Besucher der Materie, dem Material in geradezu derber Ausdrücklichkeit. Es sind – so steht es treffend im Begleitbuch – „erstaunliche und verstörende Analogien“, die sich hier auftun. Der zentrale Begriff dieser Arbeit ist sicherlich der der „Reparatur“. Gegenübergestellt werden augenscheinlich reparierte afrikanische Objekte – zerbrochene Krüge, Teller, Schalen etwa, deren Bruchstellen sichtbar bleiben –, Fotografien von schwer verwundeten Soldaten aus dem ersten Weltkrieg, deren auf das Grauenhafteste entstellte Körper, man muss es wohl so sagen, notdürftig zusammengeflickt wurden, und große, grobe Holzskulpturen sowie afrikanische Masken, die ersichtlich Bezug auf die Fotografien der zerstörten und reparierten Köpfe der Soldaten nehmen. Der Mensch erscheint hier als Soldat, als Figur, als Körper, als Materie, als Material, das desorganisiert und reorganisiert werden kann. Freilich ist das nur die eine Seite. Die Fotografien dokumentieren gleichsam die erstaunlichen Fortschritte in der plastischen Chirurgie in dieser Zeit und hierin darf und muss mit Sicherheit ein zutiefst humanes Potential erkannt werden, das zwar mit dem Körper als (bloßes) Material operiert, jedoch durchaus den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit und damit auch seelischen Integrität betrifft.
Es mutet nun fast so an, als würden im „Brain“ des Fridericianums diese beiden durch die Arbeiten von Gander und Attia markierten Pole nebeneinander gestellt und eng geführt. Die sich in diesem Raum begegnenden Objekte, Figuren, Keramiken, Fotografien, Gemälde usw. stellen eine (An)Sammlung von höchst heterogenem Charakter dar. Die Etablierung einer Kohärenz, eines Zusammenhangs offenbart sich hier mit besonderer Prägnanz als das, was sie freilich immer ist: als eine Konstruktion. Dass ich im folgenden höchst selektiv verfahre, möchte ich also keineswegs kaschieren. Drei Arbeiten interessieren mich: zum einen die in der Mitte der Rotunde nebeneinander an einer Wand aufgehängten Stillleben Morandis, zudem zwei Objekte deren heutige Gestalt das Resultat einer, um es in der Art von Lautréamont zu sagen, zufälligen Begegnung von Metall-, Elfenbein, Glas- und Terrakottateilen in Anwesenheit einer Feuersbrunst sind, verursacht durch Bombardierungen Beiruts, die auch das Nationalmuseum betrafen, und zuletzt Laurence Weiners die Rotunde abtrennende Glasscheibe mit dem dreifachen Schriftzug: „THE MIDDLE OF“.
Weiners Arbeit markiert vermittels des Schriftzugs zunächst einmal die (scheinbar?) zentrale Stellung des „Brains“ für die Ausstellung. Hier ist die Mitte (klar: die Mitte von was eigentlich?). Das „Brain“ wird als Kristallisationspunkt eingeführt. Zudem steht, so scheint mir, das verwendete Material Glas in einer gewissen Kontinuität zu der räumlich so nahen Arbeit Ganders. Die Transparenz des Werkstoffs steht ein für eine Art unsichtbare Anwesenheit, der Blick auf Weiners Arbeit ist immer ein Blick durch die Arbeit hindurch. Auch hier wird also prägnant eine Kopräsenz von An- und Abwesenheit eingeführt.
Dagegen demonstrieren die beiden kleinen Objekte aus Beirut in geradezu intensiver Weise ihr materiales Sein. Während das eine ein komplex geschichteter, von Blasen und Bruchlinien übersäter Klumpen ist, hat das Feuer im Falle des anderen zwei Bronzefiguren, die eine ursprünglich einen Menschen, die andere ein Tier repräsentierend, zu einer Hybridfigur fusioniert, zu einer Art Zentaur verschmolzen. Auch hier bleibt jedoch die heterogene Beschaffenheit offen erkennbar, nicht unähnlich wie im Falle der reparierten Gegenstände, Körper und Skulpturen der Installation Attias. Die durch das Feuer entstandene, akzidentelle Anordnung hebt den Materialmix folglich nicht in der neuen Form auf, sondern macht die fusionierten Werkstoffe und Materialien gerade in ihrer Materialität erfahrbar. Hier wurde Ungleichartiges durch die Gewalt von Bomben fest miteinander verbunden. Die kontingenten, dabei jedoch auch eigentümlich bestechenden neuen Formen kehren das Material/ die Materialien heraus.
Die Gemälde Giorgio Morandis überraschen in einer Ausstellung wie der Documenta vielleicht zunächst, speziell an einem derart zentralen Ort. Freilich revidieren das geradezu konzeptuelle Vorgehen Morandis und der karge, minimalistische Stil dieser Bilder schnell jede Einschätzung, man habe es hier mit einer konservativen malerischen Position zu tun. Interessanter Weise trennt die Wand, an welcher die Gemälde hängen, den Raum: davor die Arbeit Weiners, dahinter die Objekte aus Beirut. Zudem scheinen mir in speziell einem der Bilder die skizzierten, sich gegenüberstehenden Positionen, die doch nur zwei Seiten der selben Medaille darstellen, auf eigentümliche Art zusammenzukommen. In manchen seiner Stillleben etabliert Morandi ein sehr spezielles Verhältnis von Figur und Grund, ein Verhältnis, das diese Differenzierung aufzulösen scheint. Die Plastizität der Objekte verschwimmt, die Flaschen, Schalen und Krüge verschmelzen mit dem Hintergrund und jeder Teil des Bildes scheint von gleicher “Griffigkeit“. Gerade jenes Gemälde ganz links in der Reihe kann hierfür einstehen. Freilich ist diese Lesart höchst einseitig, aber in der Wand mit den Morandis kann womöglich eine vermittelnde Instanz erkannt werden: auch hier das intensive Interesse an (bloßen) Gegenständen, an Objekten und Material und zudem die Tendenz diese Materialität malerisch aufzuweichen.

Das schöne an einem Essay ist, dass man sich mit ihm ein wenig aus dem Fenster lehnen kann. Das verbindet diese Gattung mit dem Medium des Blogs. Man möge also die Beziehungen, die ich hier hergestellt habe, nicht in aller Konsequenz auf ihre Stichhaltigkeit prüfen 😉

F.H.

dOCUMENTA 13 Exkursion: Die Suche nach den Blockbustern

Forschungsgegenstand bzw. Fokusverschiebung
Mein ursprünglicher Ansatz bzw. selbstgestellte Aufgabe war es, dass Kunstwerk zu finden, was die meisten Journalisten und letztendlich vielleicht auch die meisten Besucher, dann bedingt durch die Berichterstattung der Presse, anzog. Diesbezüglich möchte ich mich auf die dOCUMENTA 13 beziehen, wobei auch andere „Kunstevents“ wie Biennalen oder Groß- und Gruppenausstellungen dafür geeignet wären.
Dafür befragte ich das Aussichtspersonal an den unterschiedlichen Räumlichkeiten der dOCUMENTA. Insgesamt waren es pro Tag zwischen 3 und 4 Menschen. Davon waren 11 Frauen und 2 Männer. Ein Mitarbeiter enthielt sich jeder Auskunft und verwies mich an die zuständige Presseabteilung.
Meine Fragen lauteten: Was nach Ihrem persönlichen Eindruck das Kunstwerk der dOCUMENTA sei, was die Besucher am begeistertsten wahrnehmen würden?
In einem weiteren Schritt fragte ich, auf welche Gebäude sich die Journalisten während der sog. Expertentage fokussiert haben.
Ergebnis:
Die Aussagen des Aufsichtspersonals deckten sich größtenteils mit den Kunstwerken die bereits in den Medien gezeigt wurden. Neben dem Geist in den Karlsauen von Apichatpong Weerasethakul oder den 360 Bildern des chinesischen Künstlers Yan Lei in der dOCUMENTA-Halle wurde z.B. auch das Maschinenschlagzeug von Llyn Foulkes im Fridericianum erwähnt. Während andere Kunstwerke, die eventuell nicht so einfach zugänglich bzw. für die Fotografenlinse fassbar waren, eher weniger erwähnt wurden.
Auswertung:
Während meiner Befragungen interessierte mich immer, wo an welchen Orten das Personal schon gearbeitet hatte. Fast alle Arbeiter haben eine fünf Stunden Schicht und konnten sich im Vorfeld aussuchen, wo sie gerne arbeiten würden (z.B. Karlsaue oder Kulturbahnhof). Faktisch haben die Mitarbeiter noch gar keinen Überblick auf das Verhalten der Besucher geben können, da sie noch in der Anfangsphase ihrer Tätigkeit standen und bis dahin (Montag 1. Juni) vielleicht ein bis zwei Ortswechsel hinter sich hatten. Abgesehen von der sowieso sehr subjektiven Fragestellung, half ich zudem leider manchmal mit etwas subversiven Fragen bzw. Beispielen nach, falls meine Fragen nicht verstanden wurden.
Verbesserungsvorschläge:
Ich würde um zu verwertbaren Ergebnissen zu kommen, die Befragungen nach einem längeren Zeitraum bei mehr Mitarbeitern erneut durchführen. Die qualitative Befragung, die ich durchgeführt habe ist meiner Meinung nach hier nicht aussagekräftig genug. Für eine quantitative Aussage würde ich standardisierte Fragebögen verfassen, in denen die externe Einflussnahme meinerseits etwas gedämpft werden soll, und zudem reflektiert werden soll, unter welchen anderen Einflüssen das Aufsichtspersonal bisher standen (z.B. Austausch mit Kollegen, eigenes Interesse und Vorkenntnisse, usw.). Abschließend würde ich sagen, dass sich aus den Ergebnissen meiner Umfragen kein eindeutiges Ergebnis als
Quintessenz abzeichnen kann, da die richtigen Bedingungen (zeitlichen Abstände) nicht gegeben waren und vielleicht auch die Fragestellung etwas zu oberflächlich und nicht genau genug gestellt war.
Anmerkungen:
Durch meine Stelle als Redaktionsassistentin bei einem Kunstmarktmagazin, interessierte mich auch die Frage wie Medien, im Speziellen Printmedien, die Bilderwahl für die Artikel treffen. Dies geschieht in der Realität, und ich gehe von meinen Erfahrungen in einer relativ kleinen Redaktion zu arbeiten aus, oft schnell und problemlos. Wobei hier die rechtlichen Bestimmungen zur Bildweiterverarbeitung beziehungsweise das Budget einer Redaktion immer eine wichtige Rolle spielen. Die Schritte für die Bilderauswahl sind wie folgt:
Vorschläge der Redaktionsmitarbeiter,
Redaktionsleitung wählt endgültig aus,
Absprache mit zuständigem Mitarbeiter der Bildrecherche,
Überprüfung der Bildrechte: VG-Bild Eintrag des Künstlers bzw. des Fotografen (auch Doppelung möglich),
Budgetgrenzen müssen eingehalten werden, falls diese überschritten wird, muss ein neues Bild, eines nicht in VG-Bild eingetragener Künstlers, gefunden werden.
Was und wer letztendlich in Zeitschriften abgebildet wird, ist demnach immer eine Budgetfrage. Allerdings kenne ich aus dem Arbeitsalltag auch Sätze, wie „das macht nichts her“ oder „das wirkt gedruckt nicht“ zu genüge. Wie und mit welchen Kriterien jedoch Menschen allgemein eine optisch eindrucksvolle Auswahl treffen und durch welche Kriterien diese Auswahl bedingt ist- ist mir bis jetzt unklar. Ist es ein sozialisiertes Ästhetikempfinden oder eine individuelle Neigung, ob wir große, bunte,(Takashi Murakami) vielleicht ja auch glitzernde Sachen (Jeff Koons) ansprechend finden?
Ronja Lotz

Kategorien:Exkursionsdokumente

dOCUMENTA (13) vs. Kassel

Juli 1, 2012 3 Kommentare

Fragestellung

Meine Fragestellung entwickelte sich durch Bekanntwerden des „Skandals“ um die zeitgleich zur Documenta im Turm der katholischen Kirche St. Elisabeth in Kassel installierte Balkenhol-Skulptur.

Die Skulptur befindet sich nur einen Steinwurf entfernt vom Fridericianum am Friedrichsplatz und damit in Sichtweite der Besucher des Fridericianums, das traditioneller Bestandteil der Documenta ist. Von Seiten der diesjährigen Documenta-Leitung wurde die Schau des Bildhauers Stephan Balkenhol dafür scharf kritisiert und gar als „Bedrohung“ für die „Weltkunstausstellung“ gewertet.

Der Streit, der sich auf einen weiteren Schauplatz ausweitete, nämlich auf die geplante Ausstellung Gregor Schneiders, die als Pendant zur katholischen in der evangelischen Karlskirche gedacht war; auf Kritik der Documenta-Leitung hin wurde diese – anders als die Balkenhol-Ausstellung – sogar gänzlich verworfen. Diese Vorkommnisse und die Berichterstattung darüber vermittelten mir den Eindruck, dass die Documenta sich in ihrem Vorgehen rigoros institutionell und physisch in Kassel installiert.

Dementsprechend fuhr ich nach Kassel mit dem Bild eines „Raumschiffes“ im Kopf, das alle fünf Jahre auf der Stadt landet und sie komplett „übernimmt“. Ich hatte sogar die Erwartung, Teil eines ähnlichen Phänomens zu werden, wie es alljährlich in Wacken, einem ansonsten beschaulichen Ort in Schleswig-Holstein, stattfindet, wenn feierwütige Metallfans aus dem In- und Ausland dorthin strömen, um das gleichnamige Festival zu feiern und den Ort in einen Ausnahmezustand zu versetzen.

Untersuchung

Um dieser Frage – wie denn nun Kassel und Documenta zueinander stehen – nachzugehen, wählte ich drei Methoden. Zum einen schärfte ich meinen (1) Blick auf Details, die meiner Meinung nach im Umfeld meiner Frage angesiedelt waren. Zum anderen versuchte ich mit kurzen und fast beiläufigen (2) Befragungen von Kassler Bürgern, eine „herrschende Stimmung“ in der Stadt einzufangen. Als drittes bot sich an, ein (3) Gespräch mit dem Leiter der Herberge zu führen, der im kirchlichen Organisationskomitee an der Balkenhol-Ausstellung mitgewirkt hatte.

Ergebnisse

(1) Die Details, denen meine Aufmerksamkeit galt, begegneten mir während des gesamten dreitägigen Rundgangs auf der Documenta. Beim kurzen Ansprechen des Aufsichtspersonals, bei der Suche nach Toiletten, bei der Untersuchung der Beschilderung/ Beschriftung, bei der dTOUR, etc.

Eine erste Beobachtung war, dass die Documenta sich weniger optisch präsent im Stadtbild zeigt, als ich dies angenommen habe. Von anderen Großereignissen (Weltausstellung, Landesgartenschau, Biennalen, …) war ich eine wesentlich offensiveres Erscheinungsbild gewohnt. In Kassel hatte ich den Eindruck, dass die überschaubaren Hinweise auf Schildern, Plakaten und Bannern (die im Schriftbild stark divergierten und erst oft auf den zweiten Blick zusammenzubringen waren) die „Anwesenheit“ der dOCUMENTA (13) für einen Unwissenden fast schon unbemerkt bleiben müsste. Nur wenige schlicht gestaltete Container waren vereinzelt an Orten, die in Zusammenhang mit der Documenta stehen, zu finden. Dieses Bild setzte sich – noch verstärkt – in der Karlsaue fort, in der über weite Strecken hin der Ort sich durch nichts von einem gewöhnlichen weitläufigen Stadtpark unterschied. Lediglich einige wenige, kleinformatige Hinweisschilder waren aufgestellt. Dies und die äußerst schlecht gestaltete Karte, in der die einzelnen Stationen eingetragen waren, machten die Orientierung mühsam. Zu dieser latent desorganisierten Verfasstheit passte auch die Tatsache, das in der gesamten Parkanlage kaum bis gar keine Toiletten vorhanden waren. Auch die Nachfrage beim Ausstellungspersonal führte zu keinem Ergebnis, höchstens zum Hinweis auf die umliegenden Büsche. Das genannte Personal war durchwegs (durch seidene Schals) uni(n)formiert. Die dTOUR, an der wir, begleitet durch einen „Worldly Companion“, teilnahmen, war nach dem Konzept der sogenannten „Maybe Education“ organisiert, d.h. auch hier: keine festes Schema.

(2) Kurze Gespräche mit KasslerInnen in der Straßenbahn ergaben, dass die Stadt der Documenta im allgemeinen positiv gegenüber eingestellt sind und sich zum Teil daran eine gewisser Stolz auf die eigene Stadt manifestiert. Auffallend war weiter, dass die Documenta für manche regelrecht identitätsstiftende Funktion erfüllt. Die Präsenz der Documenta wurde in keinem Fall als störend empfunden. Moniert wurde jedoch einstimmig, dass KasslerInnen keine Ermäßigung auf den Eintrittspreis erhielten und dass zum Teil (zu) hohe Summen für den Ankauf von Kunstwerken nach Ende der Ausstellung bezahlt würden.

(3) Das Gespräch mit dem Herbergsleiter, der im Komitee der Ausstellung Balkenhols beteiligt war, lieferte interessante Einblicke in die Einschätzung der Bedeutung der Ausstellung (und mit ihr die der katholischen Kirche) für die Gemeinschaft und insbesondere für die Documenta-Besucher. Darüber hinaus konnte ich jedoch keine nennenswerten weiterführenden Erkenntnisse in Bezug auf den Zwist um die besagte Ausstellung in Erfahrung bringen.

Im großen und Ganzen vermittelte mir die Documenta – im Gegensatz zum Bild, das sich für mich aus den Presseberichten im Vorfeld bot – einen formal stark zurückgenommenen Eindruck. Trotz des Umstands, dass wir die dOCUMENTA (13) schon am Eröffnungswochenende besuchten, und daher die Abläufe (Personal, Hinweisschilder, etc.) womöglich noch nicht routiniert bzw. endgültig waren, präsentierte sich die „Weltkunstausstellung“ heterogen, nicht streng schematisiert oder aufdringlich. Ihre Strukturen wirkten fast „organisch“, ihre Erscheinung „unaufgeregt“ und jenseits von inszenatorischen Superlativen. Derart kam sie auf ein Mindestmaß an Präsenz (sowohl optisch als auch inhaltlich) reduziert daher und machte auf mich den Eindruck einer gewollten Ergebnisoffenheit.

Damit entsprach sie so gar nicht der Motivik eines „Raumschiffs“ oder dem „Wacken-Syndrom“.

Weiterführende/ vertiefende Anschlussuntersuchungen

Als weiterführende und vertiefende Anschlussfragen sind verschiedene Möglichkeiten nötig und denkbar, da es sich bei meiner Untersuchung nur um eine sehr von subjektiven Eindrücken bestimmte handelt. Zum Beispiel könnte die Korrelation zwischen kuratorischem Konzept und institutioneller Präsenz aufgrund von tiefer gehender Analysen (Befragungen mittels Fragebögen, Überprüfung der kuratorischen Statements, etc.) einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Aufschlussreich wäre sicher auch ein Nachvollziehen, wie einzelne Orte innerhalb der Stadt für eine Bespielung ausgewählt wurden und welchen Anteil die Stadt Kassel daran trägt. Auch müsste noch eingehender untersucht werden, welche direkten/ indirekten Auswirkungen jene Beobachtungen auf die/meine Rezeption der Ausstellung und deren Sinnbildungsprozesse haben/ hatten.

J.M.