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dOCUMENTA (13) vs. Kassel

Fragestellung

Meine Fragestellung entwickelte sich durch Bekanntwerden des „Skandals“ um die zeitgleich zur Documenta im Turm der katholischen Kirche St. Elisabeth in Kassel installierte Balkenhol-Skulptur.

Die Skulptur befindet sich nur einen Steinwurf entfernt vom Fridericianum am Friedrichsplatz und damit in Sichtweite der Besucher des Fridericianums, das traditioneller Bestandteil der Documenta ist. Von Seiten der diesjährigen Documenta-Leitung wurde die Schau des Bildhauers Stephan Balkenhol dafür scharf kritisiert und gar als „Bedrohung“ für die „Weltkunstausstellung“ gewertet.

Der Streit, der sich auf einen weiteren Schauplatz ausweitete, nämlich auf die geplante Ausstellung Gregor Schneiders, die als Pendant zur katholischen in der evangelischen Karlskirche gedacht war; auf Kritik der Documenta-Leitung hin wurde diese – anders als die Balkenhol-Ausstellung – sogar gänzlich verworfen. Diese Vorkommnisse und die Berichterstattung darüber vermittelten mir den Eindruck, dass die Documenta sich in ihrem Vorgehen rigoros institutionell und physisch in Kassel installiert.

Dementsprechend fuhr ich nach Kassel mit dem Bild eines „Raumschiffes“ im Kopf, das alle fünf Jahre auf der Stadt landet und sie komplett „übernimmt“. Ich hatte sogar die Erwartung, Teil eines ähnlichen Phänomens zu werden, wie es alljährlich in Wacken, einem ansonsten beschaulichen Ort in Schleswig-Holstein, stattfindet, wenn feierwütige Metallfans aus dem In- und Ausland dorthin strömen, um das gleichnamige Festival zu feiern und den Ort in einen Ausnahmezustand zu versetzen.

Untersuchung

Um dieser Frage – wie denn nun Kassel und Documenta zueinander stehen – nachzugehen, wählte ich drei Methoden. Zum einen schärfte ich meinen (1) Blick auf Details, die meiner Meinung nach im Umfeld meiner Frage angesiedelt waren. Zum anderen versuchte ich mit kurzen und fast beiläufigen (2) Befragungen von Kassler Bürgern, eine „herrschende Stimmung“ in der Stadt einzufangen. Als drittes bot sich an, ein (3) Gespräch mit dem Leiter der Herberge zu führen, der im kirchlichen Organisationskomitee an der Balkenhol-Ausstellung mitgewirkt hatte.

Ergebnisse

(1) Die Details, denen meine Aufmerksamkeit galt, begegneten mir während des gesamten dreitägigen Rundgangs auf der Documenta. Beim kurzen Ansprechen des Aufsichtspersonals, bei der Suche nach Toiletten, bei der Untersuchung der Beschilderung/ Beschriftung, bei der dTOUR, etc.

Eine erste Beobachtung war, dass die Documenta sich weniger optisch präsent im Stadtbild zeigt, als ich dies angenommen habe. Von anderen Großereignissen (Weltausstellung, Landesgartenschau, Biennalen, …) war ich eine wesentlich offensiveres Erscheinungsbild gewohnt. In Kassel hatte ich den Eindruck, dass die überschaubaren Hinweise auf Schildern, Plakaten und Bannern (die im Schriftbild stark divergierten und erst oft auf den zweiten Blick zusammenzubringen waren) die „Anwesenheit“ der dOCUMENTA (13) für einen Unwissenden fast schon unbemerkt bleiben müsste. Nur wenige schlicht gestaltete Container waren vereinzelt an Orten, die in Zusammenhang mit der Documenta stehen, zu finden. Dieses Bild setzte sich – noch verstärkt – in der Karlsaue fort, in der über weite Strecken hin der Ort sich durch nichts von einem gewöhnlichen weitläufigen Stadtpark unterschied. Lediglich einige wenige, kleinformatige Hinweisschilder waren aufgestellt. Dies und die äußerst schlecht gestaltete Karte, in der die einzelnen Stationen eingetragen waren, machten die Orientierung mühsam. Zu dieser latent desorganisierten Verfasstheit passte auch die Tatsache, das in der gesamten Parkanlage kaum bis gar keine Toiletten vorhanden waren. Auch die Nachfrage beim Ausstellungspersonal führte zu keinem Ergebnis, höchstens zum Hinweis auf die umliegenden Büsche. Das genannte Personal war durchwegs (durch seidene Schals) uni(n)formiert. Die dTOUR, an der wir, begleitet durch einen „Worldly Companion“, teilnahmen, war nach dem Konzept der sogenannten „Maybe Education“ organisiert, d.h. auch hier: keine festes Schema.

(2) Kurze Gespräche mit KasslerInnen in der Straßenbahn ergaben, dass die Stadt der Documenta im allgemeinen positiv gegenüber eingestellt sind und sich zum Teil daran eine gewisser Stolz auf die eigene Stadt manifestiert. Auffallend war weiter, dass die Documenta für manche regelrecht identitätsstiftende Funktion erfüllt. Die Präsenz der Documenta wurde in keinem Fall als störend empfunden. Moniert wurde jedoch einstimmig, dass KasslerInnen keine Ermäßigung auf den Eintrittspreis erhielten und dass zum Teil (zu) hohe Summen für den Ankauf von Kunstwerken nach Ende der Ausstellung bezahlt würden.

(3) Das Gespräch mit dem Herbergsleiter, der im Komitee der Ausstellung Balkenhols beteiligt war, lieferte interessante Einblicke in die Einschätzung der Bedeutung der Ausstellung (und mit ihr die der katholischen Kirche) für die Gemeinschaft und insbesondere für die Documenta-Besucher. Darüber hinaus konnte ich jedoch keine nennenswerten weiterführenden Erkenntnisse in Bezug auf den Zwist um die besagte Ausstellung in Erfahrung bringen.

Im großen und Ganzen vermittelte mir die Documenta – im Gegensatz zum Bild, das sich für mich aus den Presseberichten im Vorfeld bot – einen formal stark zurückgenommenen Eindruck. Trotz des Umstands, dass wir die dOCUMENTA (13) schon am Eröffnungswochenende besuchten, und daher die Abläufe (Personal, Hinweisschilder, etc.) womöglich noch nicht routiniert bzw. endgültig waren, präsentierte sich die „Weltkunstausstellung“ heterogen, nicht streng schematisiert oder aufdringlich. Ihre Strukturen wirkten fast „organisch“, ihre Erscheinung „unaufgeregt“ und jenseits von inszenatorischen Superlativen. Derart kam sie auf ein Mindestmaß an Präsenz (sowohl optisch als auch inhaltlich) reduziert daher und machte auf mich den Eindruck einer gewollten Ergebnisoffenheit.

Damit entsprach sie so gar nicht der Motivik eines „Raumschiffs“ oder dem „Wacken-Syndrom“.

Weiterführende/ vertiefende Anschlussuntersuchungen

Als weiterführende und vertiefende Anschlussfragen sind verschiedene Möglichkeiten nötig und denkbar, da es sich bei meiner Untersuchung nur um eine sehr von subjektiven Eindrücken bestimmte handelt. Zum Beispiel könnte die Korrelation zwischen kuratorischem Konzept und institutioneller Präsenz aufgrund von tiefer gehender Analysen (Befragungen mittels Fragebögen, Überprüfung der kuratorischen Statements, etc.) einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Aufschlussreich wäre sicher auch ein Nachvollziehen, wie einzelne Orte innerhalb der Stadt für eine Bespielung ausgewählt wurden und welchen Anteil die Stadt Kassel daran trägt. Auch müsste noch eingehender untersucht werden, welche direkten/ indirekten Auswirkungen jene Beobachtungen auf die/meine Rezeption der Ausstellung und deren Sinnbildungsprozesse haben/ hatten.

J.M.

  1. Juli 8, 2012 um 8:36 am

    Mich würde interessieren, ob du zuvor bereits mal in Kassel warst, als keine Documenta stattfand. Ich denke, dass dieser Vergleich spannend wäre, bzw. auch einer mit vorangegangenen Documenta-Ausstellungen. Auf mich haben vorallem die bookshops und die aufgebauten Gastronomiestände in der Nähe des Fridericianeum schon etwas „alienartig“ gewirkt.

  2. jm
    Juli 8, 2012 um 8:49 am

    Ja, du hast recht, dieser Vergleich wäre aufschlussreich. Leider war ich vor unserem Besuch nie in Kassel, weder zur Zeit einer früheren Documenta noch zu einem anderen Zeitpunkt. Wer weiß mehr?

  3. litterart
    Juli 10, 2012 um 3:38 pm

    Kassel . Friedrichsplatz . Eine Woche vor occupy documenta: STÖRENFRIED war da, propagierte die FREIHEIT DER KUNST und stieß auf keinerlei Widerstand . . .

    http://kreuzzugzukassel.wordpress.com

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