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„Wir können nichts über die Wahrnehmung des anderen sagen“

Juni 19, 2012 2 Kommentare

10.06.2012

Oranerie / Karlsaue

dTOUR „Zeit vermessen, Raum kartieren, Sequenzen erzeugen“ mit dem Worldly Companion Tim Pickartz

Tim Pickartz

In Bezugnahme auf Donna Haraway begegnet ein Teil der Exkursionsgruppe in Tim Pickartz auf der dOCUMENTA (13) einem sogenannten „Worldly Companion“ – einem weltgewandten Begleiter. Der Begriff beschreibt jede Form von Organismus als auf seine spezifische Weise der Welt ausgesetzt und zugewandt. Folglich beschränkt sich das Angebot an solchen Begleitern auf der dOCUMENTA (13) nicht nur auf Menschen – es werden auch Hunde bei dTOURS eingesetzt. Die dTOUR „Zeit vermessen, Raum kartieren, Sequenzen erzeugen“ in der Orangerie & Karlsaue begleiten lediglich Menschen. Tim Pickartz beschreibt seine Kollegen und sich dabei entgegen der medialen Darstellung im Vorfeld zur dOCUMENTA (13) als Experte aus einem von vielen unterschiedlichen Bereichen. Als Dozent für Kunstvermittlung mit Kunsttheoretischem Studium findet er sich dabei als Exot unter den 150 Worldly Companions, die im Idealfall außerhalb der Ausstellungszeit in Bereichen tätig sind, die einer Klassifizierung um den Begriff Kunst üblicherweise entgehen. Die gebuchte dTOUR war seine erste auf der dOCUMENTA (13).

 

Im Nachfolgenden einige Ergebnisse der Befragung des Worldly Companion, die einen Großteil der dTOUR ausmachte:

 

Wie wurde Tim Pickartz Worldly Companion:

 

Zum Arbeitsverhältnis der Worldly Companions:

  • freiberufliche Anstellung bei Avantgarde Sales & Marketing Support GmbH
  • abgeleitet aus feministischen Theorien wird die Beschäftigung einer kommerziell orientierten Firma damit begründet ihr möglicherweise „etwas zu geben“
  • 150 Wordly Companions (wovon 30 die 10-stündige „Ausdauer dTOUR“ begleiten http://shop.documenta.de/shop/bookingevent/single )
  • Entlohnung für eine zweistündige dTOUR: 70€ brutto von insges. bezahlten 160€
  • Unterkunft ist nicht gestellt

 

Das Briefing/die Ausbildung:

  • Wochenendkurse bis zu 14h am Stück
  • Insges.: ca. 100h Schule, 100h Lektüre
  • Auseinandersetzen mit Theorien von Martin Heidegger, Walter Benjamin, Josephine Butler, u.a. (das Glossary umfasst Texte von 2000 v.Chr. bis heute)
  • Testführungen vor leeren Ausstellungswänden und Karlsaue. Ergebnis: kollektive Kritik durch „Head of Maybe-Education“ Julia Moritz: zu affirmativ, zu wenig dekonstruktivistisch
  • erste Auseinandersetzung mit künstlerischen Positionen (vor Ort) am 06.06.2012 (09.06. offizielle Eröffnung)
  • Testführung vor leeren Wänden und Auen
  • Freiheit bezüglich der Gestaltung der dTOUR (es wäre auch ein Picknick möglich)
  • bewusster Aufruf zur Subjektivität (mit der Einschränkung dabei nicht zu negativ zu werten oder zu beschreiben)

Ergebnis: Von Tim Pickartz empfundenes Ziel der Ausbildung war es, selbst wie die dOCUMENTA (13) zu denken.

Er bezog sich in seinen Schilderungen immer wieder auf die Leiterin der Dokumenta Christov-Bakargiev als Stifterin einer Linie, die durch die Instanzen nach unten weitervermittelt wurde. Auch die Termini Führer und Führung sollten eigentlich zu Gunsten der Begriffe „Worldly Companion“ und „dTOUR“ vermieden werden, was für Tim Pickartz selbst nicht zu leisten war.

Er selbst empfand die Ansätze für die dTOUR als sehr interessant, aber in der Praxis nicht umsetzbar, da es unmöglich scheint, aus den Rollen Ausstellungsführer und interessierte Ausstellungsbesucher, die mehr über bestimmte Werke wissen wollen, auszusteigen.

 

dTOUR-Choreografie:

  • offener Beginn (Besuch der Orangerie optional)
  • zügiger Besuch der Orangerie aus organisatorischen Gründen (Vielzahl an Schulklassen) verzögert durch das Interesse der Exkursionsteilnehmer
  • optionale Angebote

 

Maybe-Vermittlung

Dem kuratorischen Prinzip folgend soll eine Beschäftigung mit künstlerischen Positionen prozessual stattfinden, d.h. Wissen und Ansichten stehen im Idealfall im ständigen Diskurs

  • bewusst wenig Faktenwissen
  • Wissen aus Gesprächen mit Künstlern (Jeronimo Voss in der Orangerie)
  • häufiger Verweis auf das „Das Begleitbuch / The Guidebook“ als Antwortgeber für Detailfragen

Beispiele:

  • Massimo Bartolini: Untitled (Wave) – Vorbereitendes Briefing: konzentriert auf das technisch-mediale „Ich werde ein Loch graben. Darunter ist ein Mechanismus, das das Wasser in Schwingung versetzt.“ vgl. http://www.youtube.com/watch?v=vlN5kxKYpi0
  • Song Dong: Doing Nothing Berg – Biomüll statt Hausmüll aufgrund eines Verbots durch das Umweltamt / darauf Bonsaikulturen / Schriftzeichen, die laut Kollegin auf vielfältige Weise übersetzt (30 mögliche Übersetzungen) zum „schwachsinnigen Tun“ auffordern / eingegrabener Topf
  • Maria Loboda: Tribute to an Emperor – Referenz zu Shakespeares „Macbeth“ / Lieblingsarbeit in der Karlsaue.
Maria Loboda: Tribute to an Emperor
  • Sam Durant: Scaffold – Galgenkonstruktion aus neun verschiedenen übereinander rekonstruierten Galgen / Die Metallplattform ist eine Nachbildung der Konstruktion an der Saddam Hussein hingerichtet wurde. Den Grund dafür, dass sie die Unterste ist vermutet Tim Pickartz in dessen Größe. (Siehe dazu auch: http://d13.documenta.de/fileadmin/PDFs/sddponlinebklt.pdf)

Ergebnis: Zum Teil begegnet der uninformierte Besucher künstlerischen Arbeiten auf Augenhöhe mit dem Worldly Companion, da dieser im Vorfeld entweder keine Gelegenheit hatte sich Wissen anzueignen, es absichtlich unterließ, oder es absichtlich zurückhält.

Häufig werden aber klassisch Referenzen (wie im Fall Maria Loboda) und Erklärungen (Sam Durant) gegeben, durch die ein Sinngehalt erst vermittelt wird.

Durch subjektive Wertungen werden zudem Bedeutungshierarchien gestiftet („Das ist eine meiner Lieblingsarbeiten.“, „Das ist vielleicht mein Lieblingskünstler auf der dOCUMENTA.“, „Mit der Beschreibung konnte ich nichts gar nichts anfangen, das war so blabla. Jetzt wo ich es sehe finde ich ist es eine ganz interessante Arbeit“.)

Zu seinen Favoriten zählte er auch eine Arbeit, bei der ein Darsteller sich in der Gegend um die Orangerie aufhält und als Schriftsteller ausgibt. Die künstlerische Position, die demnach zu ihrem wesentlichen Teil daraus besteht nicht als solche erkannt zu werden, wird durch den Hinweis dessen beraubt. Ist ein nicht wahrgenommenes Kunstwerk ein Widerspruch in sich?

 

Der vermittelte Kunstbegriff

Als bisheriges Ergebnis seiner Beschäftigung als Worldly Companion bot er uns einen  integralen Kunstbegriff der dOCUMENTA (13) an: „Maybe-Kunst“.

Holzskulpturen, Berge aus dem Material Biomüll, Quantenphysik – alles was auf der dOCUMENTA (13) angeboten wird ist vielleicht Kunst, d.h. die Unterscheidung zwischen Kunst und nicht-Kunst ist in der dOCUMENTA (13) in der Auflösung begriffen.

In diesem Punkt widerspricht er der Leitenden Kuratorin Christov-Bakargiev vgl.: Carolyn Christov-Bakargiev zu Ausstellungsschildern, feministischen Fragestellungen und den Kategorien Kunst und Wissenschaft

Carolyn Christov-Bakargiev zu Ausstellungsschildern, feministischen Fragestellungen und den Kategorien Kunst und Wissenschaft

Juni 12, 2012 1 Kommentar

11.06.2012, 10:45 / Fridericianum

Ergebnis einer zufälligen Begegnung mit der leitenden Kuratorin der dOCUMENTA (13), die im Fridericianum einer Gruppe für Fragen zur verfügung stand. Aufgrund von Sound und Wind-Installationen sowie Distanz schlechte Aufnahmequalität hier rekonstruierend in Text transformierter Audiomitschnitt (wordpress erlaubt zudem keinen upload von Audiodateien):

Frage aus der Gruppe:  [schwer verständlich, etwas zu fehlenden Daten bezüglich Geburtsdaten der Künstler und Nationalitäten]

C C-B: Um, on the signage , well you can see it in the guidebook. I think that if you really want that information it‘s in the guidebook you can see it in our website, but anyway. But I like art to be in a way somehow timeless, and somehow… well you can see the date of the work, so… .

And I think that the date of the work is more important than the date when the artist is born, ‘cause sometimes the artists grow to maturity when they‘re really old. It‘s something between reality and real-life […] art as an understanding of what answers my question is, so a sort of […] perception of the world and,… and posing… and, and. It‘s like mathematics or quantum physics it doesn‘t really matter what […], what matters is the timeliness of the questions being used to in that experiment, and in the world of art, right?

Frage aus der Gruppe: [Nachfrage zum Thema Nationalität]

C C-B: The nationality, um it‘s in the guidebook. It‘s always in the guidebook. I don‘t really like labeling, and we happen to be in Germany, so…, there‘s been a lot of labeling […] So I emerge to be delicate on that one. And I actually believe in a way, a kind of not-universalism, but I think we‘ve really gone through the whole question of post-colonial studies, and that‘s part of our consciousness, and I think that, that one should build alliances between equal and different parts in the world, sharing, uh sharing ideals as a course to continue. I mean, I think my predecessor, my predecessors worked very clearly on a redefinition of the locations of where art is […], and to break that fragile unquestioned eurocentricism, what‘s very strongly already done by my predecessors in documenta. So for me what‘s important now is to…, is what do I share with an artist in Phnom Penh. You know, what does an artist in Libanon share with an artist in Phnom Penh. So, so.. yeah, I think so it‘s a kind of transnational horizon, but actually trans[flu]ent. Alright, so that‘s why the quantum physicists and the biologists are in the exhibition, or the […], because we all know what the difference is. I‘m not arguing for artworks inter[lay] together with the scientist, that‘s ridiculous, ha. Sometimes curators do that. You know they but a [scientist] and an artist together so what you got is a mishmash of nothing. It‘s not science and it‘s not art. But I am interested in bringing the visitors into […], what is in…, what is common between the questions a quantum physicist is asking himself and the artwork made by the artist today. And that‘s the… . You see that in the past quite clearly: we got that relativity and […] and then you got there Picasso. You understand that cubism is very much of that time – or Renaissance philosophy on time and perception. So it‘s a […] attempt: More that interdisciplinarity but at providing a platform that we can think about goes similarities in our knowledge is also about in the here and now as a posted ordering  […] to a history of physics and a history of art in the early twentieth century, or optics. So it‘s an attempt. It might not work in a sense that you might walk through the […], and to say : What the hell has this to do with it, or with, with anything of the artist? But I do think that it does. So that […]. I answered that [quote] – the question of not focusing on the nationality and I extended to not focussing on the field, either.

Frage aus der Gruppe: Being on stage…, being on the stage…, being on the stage, do you think that in a way to the feminist ermist should include, by way of women quoting feminist theory really forcibly on the stage due to the scope of the media, the main gaze. …

C C-B: Of course….

Frage aus der Gruppe: …due to the main gaze that keeps em on the stage in a […] …

C C-B: …Yes, uh I think that that‘s very true, but it was not intentional. So I welcome your comment, cause I haven‘t thought of it. But now that you bring it up it‘s actually quite true: there is a lot of feminist theory, that has its core to that question of being object in a male gaze, and the contradictions between, um, you know, any woman[, er, knows] this, that wheather you‘re veiled, and therefore you‘re not allowed to be visible, um in subsocieties, or wheather you‘re on […] plattform shoes with […] with consumer objects: cars and computers and things in advertising and that their gaze… Uh there‘s an obscenity in an excessive wearing and an excessive pornography in display of the woman‘s body – for sure… for sure, that that‘s probably in the background of my thinking but it was not intentional at all.

reb.: Um, concerning the, you seperated between art and science before, and er…

C C-B : […] in your answer before, you said that science and art are two different things and if you mesh them up there is some blabla coming out, so would you really think that these categories…

aus der Gruppe: Sorry, can I. We‘re with a different group so sorry: If you want to ask Carolin.

C C-B: Oh it‘s a… it‘s a museum tour…

reb.: So it‘s closed to us?

C C-B: …But I‘m happy to answer your question, but then I think you should. … They have to see the exibition so…

aus der Gruppe: I think everyone is getting eager to see the exibition…

reb.: Yeah I‘m sorry. Didn‘t know.

C C-B: …so I can‘t answer that right now, but uh, no I don‘t think uh […] but I think that‘s an intersting question, so I think that you might wanna know the answer, so let‘s let […]. I think that, the fields of human activity have been defined in many ways, at different times in different historical periods, and obviously the definition of the field of art, as we know it didn‘t exist in ancient Egypt, or didn‘t exist in China in the Seventeenhundreds, because there the calligrapher, the philosopher, so the writer-philosopher and the painter was one category for example. So we have to understand the relativism of all categories and fields. If you think in terms of big history obviously prehistoric humans didn‘t have the category of art as we have it. That category of art turned up in the Seventeenhundreds with Winkelmann [and] modern aesthetics. The ancient Greeks didn‘t have it either. They didn‘t even have a word for art and […]. Therefore it‘s a very good question and um it takes a long answer. But let‘s say the way that scientists work… Uh, first of all you can‘t say science, there‘re many different kinds of sciences: fundamental research, there‘s a [quite] science. So I‘m only looking at a few small sectors of scientific practice that I find very close to artistic practice today, such as quantum physics because that is based on the understanding of the entanglement between the observer and the observed. So that‘s the short answer to your question.

Ahmed Basiony / from day 2 : a documentary video, January 26th 2011

Auf Anfrage hier Fotografien zu

Ahmed Basiony / from day 2: a documenary video, January 26th 2011

Ort: Fridericianum: „Brain“

11.06.2012

Siehe dazu auch

– die Website ahmedbasiony.com

http://www.ahmedbasiony.com/about.html

 

– den Artikel auf art-magazin.de:

http://www.art-magazin.de/div/heftarchiv/2011/6/EGOWTEGWPOOPAPOGRTSPOEPR/Die-Wutk%FCnstler

Kategorien:Exkursionsdokumente