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Archive for the ‘Inhaltliches’ Category

Einige spätere Entdeckungen neben den Hotspots…

September 16, 2012 Hinterlasse einen Kommentar

…Walid Raad, auf der documenta 11 2002 mit seinem Projekt The Atlas Group vertreten, in der unteren Karlssstr. 14 mit dem Werkkomplex An Dingen kratzen, die ich leugnen könnten, Eine Geschichte der Kunst in der arabischen Welt, bestehend aus 6 Einzelarbeiten:

Tazita Dean mit großformatigen Schieferzeichnungen von Bergketten um Kabul in Afghanistan im ehemaligen Finanzamt (Spohrstr. 7):

…Allora & Clzadillas Videoprojektion Raptor’s Rapture von 2012 im Bunker im Weinberg. In dem Film geht es um eine eine Flöte aus dem Speicherknochen des Flügels des Gänsegeiers geschnitzt, 35.000 Jahre alt, auf der Bernadette Käfer, Flötistin prähistorischer Instrumente versucht, zu spielen:

…und zu guter Letzt Judith Hopfs Bambus Forest, bestehend aus Glas und Papier im mittelalterlichen Kloster Breitenau nahe Kassel, in dem zunächst Prostituierte und Landstreicher, später dann NS-Regimegegner und Juden und nach dem Krieg schwererziehbare Mädchen eingesperrt wurden. Alle Künstler der d(13) traten als erstes eine Reise nach Breitenau an, heute eine psychiatrische Klinik:

…streng bewacht vom Personal, mit Sonderöffnungzeiten, so dass mit den untersuchten orts- und zeitspezifischen Ein- und Ausschlusstechniken auch am Kunstwerk operiert wird:

Kategorien:Allgemein, Inhaltliches

Nachtrag nach 90 Tagen d(13)

September 16, 2012 Hinterlasse einen Kommentar

…zuallererst: Die pink fluoriszierende Pfote der d(13)-Ikone aus Pierre Huyghe, Untilled, 2012 musste nachgefärbt werden:

Die occupy-Vertreter aus Frankfurt, die am Eröffnungswochenende auf dem Friedrichsplatz ihr Zelt aufschlugen, haben unter dem Label docuppy Unterstuetzung bekommen: Am 8.9.2012 noch zahlreich vertreten, verliessen sie in der Nacht vom 9. auf den 10.9.2012 den Friedrichsplatz und zwar nach einer internen Abstimmung schon eine Woche vor dOCUMENTA-Ende:

…außerdem: Anstehen, vor den Institutionen, vor den Einzelräumen oder Kabinetten, vor den WCs, vor den Garderobencontainern, vor den Buchshops…

…Lori Waxman scheint sich in ihrer Arbeit Performing 60wrd/min art critic vornehmlich auf Malerei konzentriert haben zu müssen:

…die Anger-Workshops von Stuart Ringholt in der Neuen Galerie waren offenbar gut besucht:

…und die Performer von Tino Sehgal sind noch immer 5 Stunden taeglich dabei, uebrigens im Vergleich zur Tate mit guter Bezahlung…

Kategorien:Allgemein, Inhaltliches

Die documenta als Möglichkeitsraum…

September 13, 2012 Hinterlasse einen Kommentar

…zur Entwicklung von Ideen, zur Recherche, zum Denken mit und durch unsere Zeit, Einfluss zu haben, der Findigkeit von Themen, Sprache und Logik, des Verstehens, der Bereitschaft und Wendigkeit  –  statt eines lediglichen Zeigens…,

…Kunst als Anfang des Denkens, als Möglichkeit des Konnektierens von Ideen…,

…denn Theorie existiert nicht ausserhalb des Sensorium, wir fühlen, um zu denken…,

 

sagt dOCUMENTA (13)-Kuratorin Chuz Martinez im dradio am 24.6.2012:

http://www.dradio.de/aodflash/player.php?station=1&broadcast=277851&datum=20120624&playtime=1340550302&fileid=438b6b6c&sendung=277851&beitrag=1793258&/

Doppelung und Koppelung von Orten. Ortspezifik

Ursprünglich wollte ich mich genauer mit dem Maybe-Education-Konzept auseinandersetzen. Vor Ort fand ich die Ortspezifik der Einzelwerke so stark und spannend, sodass ich mich nun darauf konzentrierte.
Die Documenta 13 ist die bisher größte Documenta, die es je gab. In der ganzen Stadt wurden Räume, Orte und Häuser gefunden, die nun Teil der Documenta sind. Diese öffentlichen Orte werden im Kontext zu den Werken zu Ausstellungsflächen. Viele Arbeiten wurden speziell für die Documenta in Auftrag gegeben. So hatten die Künstler Zeit sich mit der Geschichte Kassels und den Orten im Einzelnen auseinanderzusetzen. Einige von den Werken entstanden auch direkt vor Ort.
Für mich war überraschend, dass manche Werke ohne diesem Ort gar nicht funktionieren könnten, wie zum Beispiel von Janet Cardiff und Georges Bures Miller der Video- Walk. Man wird von einem I-Pod angeleitet durch den Bahnhof zu laufen und sieht auf dem Abspielgerät denselben Ort. Vergangenheit und Gegenwart treffen am gleichen Ort aufeinander. Man stellt Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart her. Mansche Elemente vermischen sich, sodass es zu einer Gleichzeitigkeit des Ortes kommt.
Ebenfalls im alten Bahnhof ist die Arbeit von William Kentridge. Sein Raum mit fünf Projektionen und einer Atmungsmaschine behandelt unter anderem das Thema der Zeit. Es geht um Zeit, Zeitvermessung, Zeitregulierung, Zeitzerlegung, Beschleunigung und um eine immer gleichbleibende Konstante (Atmungsmaschine). Auch um das Industriezeitalter. Ich verbinde mit einem Bahnhof oft Hektik, Aufbruch, Durchreise, Zeitdruck, Verspätung und Warten. Viel Fremdes und Neues, Ankunft und Abfahrt. Der Bahnhof selbst wurde im Industriezeitalter ein immer wichtiger werdender Faktor.
Im Fridericianum, im ältesten Museum Deutschlands, einem der Hauptgebäude auf dem Friedrichsplatz befindet sich im Erdgeschoss der White Cube. Der Wind weht von der Decke auf den Besucher, es ist wie ein frischer Wind. In der Rotunde ist das Brain von Carolyn Christov-Bakargiev. Durch ihre Sammlung wurde die Documenta für mich verständlicher. Die Kunstwerke sind autonom, harmonisieren aber miteinander im Ganzen.
Das Huggenotten-Haus, ein Abrissgebäude und Teil des Grand Hotels behandelt die Thematik des Recycling, die Vernetzung von Dingen aus Chicago nach Kassel und den dort vorgefunden „Müll“ aus Kassel. Im Gegenzug werden Gegenstände wieder mit nach Chicago aus Kassel mitgenommen. Vergänglichkeit und gleichzeitig Erneuerung aus Dingen die bereits existieren in einem Haus, das zum Abriss bereit steht.
Ein weiterer Ausstellungsort befindet sich im Obergeschoss des C& A. Das Kaufhaus, voller Waren, Überfluss und eine Scheinwelt des glücklichen Konsumierens steht der Arbeit von Cevdet Erek mit „Rhytmen“ gegenüber. Ein weißer fast leerer Raum mit Beat, in dem täglich während der Documenta ein Fenster abgehängt wird.
Das Schafott in Karlsaue steht genau auf der Machtline des Parks hin zur Orangerie. Ebenso der riesige Erdhügel von Dong Song. Dadurch wird die freie Sicht gestört und es müssen Umwege gegangen werden.
Die Documenta 13 ist auf der Suche nach neuen Denkansätzen und versucht durch die Aufarbeitung der Geschichte und die Vernetzung der Kunstwerke mit der Vergangenheit des jeweiligen Ortes neue Brücken für die Zukunft zu bauen. Durch die Ortspezifik können manche Werke nur genau an diesem Ort funktionieren. Die Kunst wird flüchtig. Sie wird nicht mehr für die Ewigkeit produziert.
Sandra Zech

Künstlerische Leiterin der d(13) begrüßt occupy-Bewegung…

…und lässt durch ihre Pressesprecher folgendes mitteilen:

„Ich begrüße die »doccupy«-Bewegung auf dem Friedrichsplatz, die in den letzten Wochen gewachsen ist. Sie setzt die Welle der demokratischen Proteste fort, die sich über viele Städte der Welt verbreitet hat. Sie realisiert die Möglichkeit, die Nutzung des öffentlichen Raumes neu zu erfinden und scheint mir im Geiste der Zeit zu sein und im Geiste von Joseph Beuys zu stehen, der die documenta und ihre Geschichte stark geprägt hat, und bringt eine andere Idee der kollektiven Entscheidungsbildung und politischen Verantwortung durch direkte Demokratie zum Ausdruck.

Mit dieser Begrüßung möchte ich außerdem die Fähigkeiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausdrücklich bekräftigen, für den Platz zu sorgen und Verantwortung für den Raum zu übernehmen, den sie das Recht haben, zu besetzen, und die Stadt Kassel und die anderen Besucher der documenta zu berücksichtigen, im weltlichen Geist des Entstehens und Werdens.“

8.7.2012

lmuatdoc(13) at Radio 226, Radio de la Culture Visuelle…

…am Mittwoch, 11.7.2012, ab 15h. Es diskutieren Frau Cramer, Frau Schwerdtfeger und Herr Hefele.

Swin with the stream: http://www.peoplezapping.com/places/radio226

Skype the studio to participate: radiodelaculturevisuelle

Dowonload what you miss: http://soundcloud.com/radiodelaculturevisuelle

Performance und Analytischer Wahrnehmungsbericht

Vom Scheitern und der Materialität

„Wie organisiert sie [die Documenta] (als Ausstellung) die Einzelwerke, wie und welche „Meinungs-/ bzw. Deutungsgeneratoren“ (Kataloge, Ausstellungstexte, Führungen, …) setzt sie ein?“
F. H.

Vielleicht zeugt es nicht von bestem Stil, sich gleich zu Beginn selbst zu zitieren, aber hier scheint es mir doch sinnvoll. Das Zitat ist ein Auszug aus meinem Bewerbungsschreiben für die Exkursion zur dOCUMENTA (13). Als das Eröffnungswochenende und damit unsere Fahrt vor der Tür standen und ein konkreter Untersuchungsgegenstand gefunden werden musste, ist mir bei einer Relektüre meines Textes bewusst geworden, dass ich die verwendeten Begriffe der „Meinungs-/ bzw. Deutungsgeneratoren“ nur ungenügend reflektiert hatte. Was genau sie bezeichnen sollten, war mir offenbar auch schon während des Schreibens reichlich unklar – ein Hoch auf die drei Punkte, diese nützlichen kleinen Helferlein dessen, der sich nicht festlegen kann oder will … Ich entschied mich dazu, Abhilfe durch eine Einengung zu schaffen: die textliche Begleitung wollte ich nun in den Blick nehmen, die Schilder, Beschriftungen, Erläuterungen, welche innerhalb der Ausstellungsräume bzw. an den Ausstellungsorten angebracht sind, die Texte, welche Hintergründe vermitteln, die Kontext schaffen, kontextualisieren. Auch dieses Projekt ist jedoch in gewisser Weise und aus unterschiedlichen Gründen gescheitert.
So stellte sich etwa bald heraus, dass meine Fragestellung offenbar nur wenig originell war: eine ganze Reihe von Exkursionsteilnehmern hatte eine ähnliche gewählt. Freilich kann dieser Sachverhalt auch positiv formuliert werden – dafür würde ich auch plädieren: im Kontext unseres Seminars scheint eben dieser Untersuchungsgegenstand sich aufzudrängen. Ich fühlte mich in meiner Wahl folglich durch die Gruppe bestätigt. Ich möchte aus drei Texten, die hier bereits hochgeladen wurden, knapp zitieren: Giselle Huber etwa stellt die Frage nach den „andere[n] Kommunikationssysteme[n]“ der Documenta, nachdem sie ihr ursprüngliches Vorhaben einer Untersuchung der textlichen Begleitung der Ausstellung (ebenfalls) aufgegeben hat. Der Fokus von icxci sollte zunächst „auf der sprachlichen aber auch auf der schriftlichen Vermittlung von Informationsmaterialien liegen.“ Und labomu fragt: „Wie wird Schrift verwendet“? Augenscheinlich versprachen sich neben mir auch andere Exkursionsteilnehmer aufschlussreiche Erkenntnisse von einem Blick auf die textliche Begleitung der Ausstellung. Also habe ich Schilder und Texte gesucht, fotografiert, gelesen, ausgewertet, die vermittelten Informationen erfasst und versucht, die Beziehung dieser Texte zu den jeweiligen Arbeiten zu erfassen. Fokussieren wollte ich gerade auch die Differenzen in der textlichen Begleitung von Werk zu Werk und mir Aufschluss darüber verschaffen, weshalb gerade dieses Schild und dieser Text, diese und jene Arbeit bezeichnet/ begleitet.
Das „Standardschild“ der dOCUMENTA (13) – daneben gibt es etwa Holztäfelchen (im Freien) und teils auch handbeschriebene „Zettel“ – ist von mittlerer Größe, weiß und beschrieben in einer unscheinbaren Type. Zumeist – besser: beinah ohne Ausnahme – liefert es folgende Informationen: Name des Künstlers/ der Künstlerin (hervorgehoben); eine der Arbeit zugeordnete Nummer; Titel; Entstehungsjahr; verwendete Materialien; Auftraggeber/ Sponsoren/ Eigentümer. Manche Arbeiten werden weiterhin von mehr oder weniger ausführlichen Texten begleitet, die mal als Hintergrund, mal durchaus auch als eine Art von Erklärung bzw. Erläuterung begriffen werden können. Außerdem gibt es solche Texte, die nicht Begleittext sind, sondern expliziter Bestandteil der jeweiligen Arbeit (wie diese Texte in Kontrast zur „gewöhnlichen“ Ausstellungsbeschriftung gestellt werden, d.h. wie sie ausgewiesen bzw. kenntlich gemacht werden, wäre freilich interessant zu fragen). Es gelang mir nun jedoch kaum zu klären, weshalb gerade diese und jene Arbeit von diesen und jenen Texten und Schildern begleitet wird, weshalb manche Arbeit dem Besucher „erklärt“ wird und eine andere nicht. Diesen „Nicht-Befund“ möchte ich hier einfach einmal als ( ja auch interessantes) Ergebnis stehen lassen, ich habe ihn nämlich nicht weiter verfolgt.
Eine Beobachtung konnte ich hingegen durchgängig machen: die Schilder geben allesamt ausführlich die je verwendeten Materialien an. Das scheint mir signifikant. Meiner Erfahrung nach wird gerade die Angabe der künstlerischen Technik und der verwendeten Materialien für gewöhnlich in der Beschilderung von Ausstellungen eher stiefmütterlich behandelt. Teils erfährt man darüber nichts und sobald man es einmal nicht mit „Öl auf Leinwand“ zu tun hat, liest man zumeist den einigermaßen unspezifischen Terminus: Mischtechnik – liebe Ausstellungsmacher: darauf kommt der Besucher in der Regel auch selbst. Die Vermutung lag also nahe, dass der Materialität hier womöglich eine besondere Relevanz zugestanden wird. Anhand verschiedener Arbeiten im Fridericianum möchte ich hierzu einige skizzenhafte Gedanken formulieren.

Ich halte es gut für möglich, dass Ryan Ganders Arbeit in der Rückschau als eine der Ikonen der dOCUMENTA (13) gelten wird – diese Prognose ist nicht sonderlich originell, große Teile des Feuilletons scheinen davon ebenfalls überzeugt. Gerade der Umstand, dass die Arbeit sich offenbar fundamental einer überzeugenden Visualisierung bzw. Mediatisierung verwehrt und damit auch dem omnipräsenten Bedürfnis nach einem prägnanten Bild, dürfte sie als Störfaktor, als Punkt der Friktion trotz – oder eben auch wegen – ihrer geradezu lyrischen Qualität in den Köpfen etablieren. Erfüllt wird der linke Flügel des Erdgeschosses (allein) von einem Luftzug und einer Vitrine, in der sich, wie bezeichnend, in Form eines handgeschriebenen Briefes die Absage eines Künstlers an die Leiterin Christov-Bakargiev findet – um Abwesenheit bzw. eine abwesende Anwesenheit geht es also auch hier. Der Besucher bekommt es folglich, wählt er traditioneller Weise das Fridericianum als Startpunkt, gleich zu Beginn dieser Großausstellung mit vermeintlicher Leere zu tun. Die Konfrontation mit greifbarer Materialität, mit (von Künstlerhand) geformtem Material, bleibt gerade aus – darf hierin auch eine Kritik an der Zentriertheit der Kunstwelt auf das Werk erblickt werden?
Im zweiten Stockwerk findet sich eine Installation von Kader Attia, die mir in gewisser Weise der Kontrapunkt zu Ganders Arbeit zu sein scheint. Hier begegnet der Besucher der Materie, dem Material in geradezu derber Ausdrücklichkeit. Es sind – so steht es treffend im Begleitbuch – „erstaunliche und verstörende Analogien“, die sich hier auftun. Der zentrale Begriff dieser Arbeit ist sicherlich der der „Reparatur“. Gegenübergestellt werden augenscheinlich reparierte afrikanische Objekte – zerbrochene Krüge, Teller, Schalen etwa, deren Bruchstellen sichtbar bleiben –, Fotografien von schwer verwundeten Soldaten aus dem ersten Weltkrieg, deren auf das Grauenhafteste entstellte Körper, man muss es wohl so sagen, notdürftig zusammengeflickt wurden, und große, grobe Holzskulpturen sowie afrikanische Masken, die ersichtlich Bezug auf die Fotografien der zerstörten und reparierten Köpfe der Soldaten nehmen. Der Mensch erscheint hier als Soldat, als Figur, als Körper, als Materie, als Material, das desorganisiert und reorganisiert werden kann. Freilich ist das nur die eine Seite. Die Fotografien dokumentieren gleichsam die erstaunlichen Fortschritte in der plastischen Chirurgie in dieser Zeit und hierin darf und muss mit Sicherheit ein zutiefst humanes Potential erkannt werden, das zwar mit dem Körper als (bloßes) Material operiert, jedoch durchaus den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit und damit auch seelischen Integrität betrifft.
Es mutet nun fast so an, als würden im „Brain“ des Fridericianums diese beiden durch die Arbeiten von Gander und Attia markierten Pole nebeneinander gestellt und eng geführt. Die sich in diesem Raum begegnenden Objekte, Figuren, Keramiken, Fotografien, Gemälde usw. stellen eine (An)Sammlung von höchst heterogenem Charakter dar. Die Etablierung einer Kohärenz, eines Zusammenhangs offenbart sich hier mit besonderer Prägnanz als das, was sie freilich immer ist: als eine Konstruktion. Dass ich im folgenden höchst selektiv verfahre, möchte ich also keineswegs kaschieren. Drei Arbeiten interessieren mich: zum einen die in der Mitte der Rotunde nebeneinander an einer Wand aufgehängten Stillleben Morandis, zudem zwei Objekte deren heutige Gestalt das Resultat einer, um es in der Art von Lautréamont zu sagen, zufälligen Begegnung von Metall-, Elfenbein, Glas- und Terrakottateilen in Anwesenheit einer Feuersbrunst sind, verursacht durch Bombardierungen Beiruts, die auch das Nationalmuseum betrafen, und zuletzt Laurence Weiners die Rotunde abtrennende Glasscheibe mit dem dreifachen Schriftzug: „THE MIDDLE OF“.
Weiners Arbeit markiert vermittels des Schriftzugs zunächst einmal die (scheinbar?) zentrale Stellung des „Brains“ für die Ausstellung. Hier ist die Mitte (klar: die Mitte von was eigentlich?). Das „Brain“ wird als Kristallisationspunkt eingeführt. Zudem steht, so scheint mir, das verwendete Material Glas in einer gewissen Kontinuität zu der räumlich so nahen Arbeit Ganders. Die Transparenz des Werkstoffs steht ein für eine Art unsichtbare Anwesenheit, der Blick auf Weiners Arbeit ist immer ein Blick durch die Arbeit hindurch. Auch hier wird also prägnant eine Kopräsenz von An- und Abwesenheit eingeführt.
Dagegen demonstrieren die beiden kleinen Objekte aus Beirut in geradezu intensiver Weise ihr materiales Sein. Während das eine ein komplex geschichteter, von Blasen und Bruchlinien übersäter Klumpen ist, hat das Feuer im Falle des anderen zwei Bronzefiguren, die eine ursprünglich einen Menschen, die andere ein Tier repräsentierend, zu einer Hybridfigur fusioniert, zu einer Art Zentaur verschmolzen. Auch hier bleibt jedoch die heterogene Beschaffenheit offen erkennbar, nicht unähnlich wie im Falle der reparierten Gegenstände, Körper und Skulpturen der Installation Attias. Die durch das Feuer entstandene, akzidentelle Anordnung hebt den Materialmix folglich nicht in der neuen Form auf, sondern macht die fusionierten Werkstoffe und Materialien gerade in ihrer Materialität erfahrbar. Hier wurde Ungleichartiges durch die Gewalt von Bomben fest miteinander verbunden. Die kontingenten, dabei jedoch auch eigentümlich bestechenden neuen Formen kehren das Material/ die Materialien heraus.
Die Gemälde Giorgio Morandis überraschen in einer Ausstellung wie der Documenta vielleicht zunächst, speziell an einem derart zentralen Ort. Freilich revidieren das geradezu konzeptuelle Vorgehen Morandis und der karge, minimalistische Stil dieser Bilder schnell jede Einschätzung, man habe es hier mit einer konservativen malerischen Position zu tun. Interessanter Weise trennt die Wand, an welcher die Gemälde hängen, den Raum: davor die Arbeit Weiners, dahinter die Objekte aus Beirut. Zudem scheinen mir in speziell einem der Bilder die skizzierten, sich gegenüberstehenden Positionen, die doch nur zwei Seiten der selben Medaille darstellen, auf eigentümliche Art zusammenzukommen. In manchen seiner Stillleben etabliert Morandi ein sehr spezielles Verhältnis von Figur und Grund, ein Verhältnis, das diese Differenzierung aufzulösen scheint. Die Plastizität der Objekte verschwimmt, die Flaschen, Schalen und Krüge verschmelzen mit dem Hintergrund und jeder Teil des Bildes scheint von gleicher “Griffigkeit“. Gerade jenes Gemälde ganz links in der Reihe kann hierfür einstehen. Freilich ist diese Lesart höchst einseitig, aber in der Wand mit den Morandis kann womöglich eine vermittelnde Instanz erkannt werden: auch hier das intensive Interesse an (bloßen) Gegenständen, an Objekten und Material und zudem die Tendenz diese Materialität malerisch aufzuweichen.

Das schöne an einem Essay ist, dass man sich mit ihm ein wenig aus dem Fenster lehnen kann. Das verbindet diese Gattung mit dem Medium des Blogs. Man möge also die Beziehungen, die ich hier hergestellt habe, nicht in aller Konsequenz auf ihre Stichhaltigkeit prüfen 😉

F.H.

dOCUMENTA (13) vs. Kassel

Juli 1, 2012 3 Kommentare

Fragestellung

Meine Fragestellung entwickelte sich durch Bekanntwerden des „Skandals“ um die zeitgleich zur Documenta im Turm der katholischen Kirche St. Elisabeth in Kassel installierte Balkenhol-Skulptur.

Die Skulptur befindet sich nur einen Steinwurf entfernt vom Fridericianum am Friedrichsplatz und damit in Sichtweite der Besucher des Fridericianums, das traditioneller Bestandteil der Documenta ist. Von Seiten der diesjährigen Documenta-Leitung wurde die Schau des Bildhauers Stephan Balkenhol dafür scharf kritisiert und gar als „Bedrohung“ für die „Weltkunstausstellung“ gewertet.

Der Streit, der sich auf einen weiteren Schauplatz ausweitete, nämlich auf die geplante Ausstellung Gregor Schneiders, die als Pendant zur katholischen in der evangelischen Karlskirche gedacht war; auf Kritik der Documenta-Leitung hin wurde diese – anders als die Balkenhol-Ausstellung – sogar gänzlich verworfen. Diese Vorkommnisse und die Berichterstattung darüber vermittelten mir den Eindruck, dass die Documenta sich in ihrem Vorgehen rigoros institutionell und physisch in Kassel installiert.

Dementsprechend fuhr ich nach Kassel mit dem Bild eines „Raumschiffes“ im Kopf, das alle fünf Jahre auf der Stadt landet und sie komplett „übernimmt“. Ich hatte sogar die Erwartung, Teil eines ähnlichen Phänomens zu werden, wie es alljährlich in Wacken, einem ansonsten beschaulichen Ort in Schleswig-Holstein, stattfindet, wenn feierwütige Metallfans aus dem In- und Ausland dorthin strömen, um das gleichnamige Festival zu feiern und den Ort in einen Ausnahmezustand zu versetzen.

Untersuchung

Um dieser Frage – wie denn nun Kassel und Documenta zueinander stehen – nachzugehen, wählte ich drei Methoden. Zum einen schärfte ich meinen (1) Blick auf Details, die meiner Meinung nach im Umfeld meiner Frage angesiedelt waren. Zum anderen versuchte ich mit kurzen und fast beiläufigen (2) Befragungen von Kassler Bürgern, eine „herrschende Stimmung“ in der Stadt einzufangen. Als drittes bot sich an, ein (3) Gespräch mit dem Leiter der Herberge zu führen, der im kirchlichen Organisationskomitee an der Balkenhol-Ausstellung mitgewirkt hatte.

Ergebnisse

(1) Die Details, denen meine Aufmerksamkeit galt, begegneten mir während des gesamten dreitägigen Rundgangs auf der Documenta. Beim kurzen Ansprechen des Aufsichtspersonals, bei der Suche nach Toiletten, bei der Untersuchung der Beschilderung/ Beschriftung, bei der dTOUR, etc.

Eine erste Beobachtung war, dass die Documenta sich weniger optisch präsent im Stadtbild zeigt, als ich dies angenommen habe. Von anderen Großereignissen (Weltausstellung, Landesgartenschau, Biennalen, …) war ich eine wesentlich offensiveres Erscheinungsbild gewohnt. In Kassel hatte ich den Eindruck, dass die überschaubaren Hinweise auf Schildern, Plakaten und Bannern (die im Schriftbild stark divergierten und erst oft auf den zweiten Blick zusammenzubringen waren) die „Anwesenheit“ der dOCUMENTA (13) für einen Unwissenden fast schon unbemerkt bleiben müsste. Nur wenige schlicht gestaltete Container waren vereinzelt an Orten, die in Zusammenhang mit der Documenta stehen, zu finden. Dieses Bild setzte sich – noch verstärkt – in der Karlsaue fort, in der über weite Strecken hin der Ort sich durch nichts von einem gewöhnlichen weitläufigen Stadtpark unterschied. Lediglich einige wenige, kleinformatige Hinweisschilder waren aufgestellt. Dies und die äußerst schlecht gestaltete Karte, in der die einzelnen Stationen eingetragen waren, machten die Orientierung mühsam. Zu dieser latent desorganisierten Verfasstheit passte auch die Tatsache, das in der gesamten Parkanlage kaum bis gar keine Toiletten vorhanden waren. Auch die Nachfrage beim Ausstellungspersonal führte zu keinem Ergebnis, höchstens zum Hinweis auf die umliegenden Büsche. Das genannte Personal war durchwegs (durch seidene Schals) uni(n)formiert. Die dTOUR, an der wir, begleitet durch einen „Worldly Companion“, teilnahmen, war nach dem Konzept der sogenannten „Maybe Education“ organisiert, d.h. auch hier: keine festes Schema.

(2) Kurze Gespräche mit KasslerInnen in der Straßenbahn ergaben, dass die Stadt der Documenta im allgemeinen positiv gegenüber eingestellt sind und sich zum Teil daran eine gewisser Stolz auf die eigene Stadt manifestiert. Auffallend war weiter, dass die Documenta für manche regelrecht identitätsstiftende Funktion erfüllt. Die Präsenz der Documenta wurde in keinem Fall als störend empfunden. Moniert wurde jedoch einstimmig, dass KasslerInnen keine Ermäßigung auf den Eintrittspreis erhielten und dass zum Teil (zu) hohe Summen für den Ankauf von Kunstwerken nach Ende der Ausstellung bezahlt würden.

(3) Das Gespräch mit dem Herbergsleiter, der im Komitee der Ausstellung Balkenhols beteiligt war, lieferte interessante Einblicke in die Einschätzung der Bedeutung der Ausstellung (und mit ihr die der katholischen Kirche) für die Gemeinschaft und insbesondere für die Documenta-Besucher. Darüber hinaus konnte ich jedoch keine nennenswerten weiterführenden Erkenntnisse in Bezug auf den Zwist um die besagte Ausstellung in Erfahrung bringen.

Im großen und Ganzen vermittelte mir die Documenta – im Gegensatz zum Bild, das sich für mich aus den Presseberichten im Vorfeld bot – einen formal stark zurückgenommenen Eindruck. Trotz des Umstands, dass wir die dOCUMENTA (13) schon am Eröffnungswochenende besuchten, und daher die Abläufe (Personal, Hinweisschilder, etc.) womöglich noch nicht routiniert bzw. endgültig waren, präsentierte sich die „Weltkunstausstellung“ heterogen, nicht streng schematisiert oder aufdringlich. Ihre Strukturen wirkten fast „organisch“, ihre Erscheinung „unaufgeregt“ und jenseits von inszenatorischen Superlativen. Derart kam sie auf ein Mindestmaß an Präsenz (sowohl optisch als auch inhaltlich) reduziert daher und machte auf mich den Eindruck einer gewollten Ergebnisoffenheit.

Damit entsprach sie so gar nicht der Motivik eines „Raumschiffs“ oder dem „Wacken-Syndrom“.

Weiterführende/ vertiefende Anschlussuntersuchungen

Als weiterführende und vertiefende Anschlussfragen sind verschiedene Möglichkeiten nötig und denkbar, da es sich bei meiner Untersuchung nur um eine sehr von subjektiven Eindrücken bestimmte handelt. Zum Beispiel könnte die Korrelation zwischen kuratorischem Konzept und institutioneller Präsenz aufgrund von tiefer gehender Analysen (Befragungen mittels Fragebögen, Überprüfung der kuratorischen Statements, etc.) einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Aufschlussreich wäre sicher auch ein Nachvollziehen, wie einzelne Orte innerhalb der Stadt für eine Bespielung ausgewählt wurden und welchen Anteil die Stadt Kassel daran trägt. Auch müsste noch eingehender untersucht werden, welche direkten/ indirekten Auswirkungen jene Beobachtungen auf die/meine Rezeption der Ausstellung und deren Sinnbildungsprozesse haben/ hatten.

J.M.

Kommunikationssysteme der d(13)

…beobachtet von Giselle Huber.

Welche Kommunikationssysteme wendet die dOCUMENTA (13)  an?

Ursprünglich wollte ich mich mit der Bedeutung der zum Einsatz bringenden Sprache auseinandersetzen. Da ich diese aber größtenteils überhaupt gar nicht vorfinden konnte, habe ich mich gefragt, ob und wie die dOCUMENTA (13) andere Kommunikationssysteme zwischen Kunstwerk und Rezipient anwendet. Bestärkt zu diesem Entschluss wurde ich zuletzt von einem Zitat von Carolyn Christoph-Bakargiev, gelesen in der Kunstzeitung von Lindinger+Schmid, die man freundlicherweise umsonst erhalten.

„Die dOCUMENTA (13) schlägt Paradoxe vor, die Wege des Sprechens ohne Sprache, des Handelns ohne Handlung und eine archäologische Perspektive, nach der jedes fortschreitende kulturelle Projekt auf einem rückwärts gewandten Blick, auf einer ökologischen Beziehung zur Vergangenheit beruhen kann.“ Aus „Brief an einen Freund“

Ich muss im Vornherein auch gleich hinzufügen, dass ich mich innerhalb der drei Tage intensiver in der Aue aufgehalten hab, und dass dies meine Beobachtungen mit Sicherheit auch beeinträchtigen, speziell was die klassischen Ausstellungsräume in den Museen betrifft. Das mag daran liegen, dass mir die Kunstwerke dort auf subjektive Weise besser gefallen haben, oder aber, weil sie tatsächlich „viel aufregender“ waren.

Anders als in den herkömmlichen Ausstellungen gelangte der Rezipient auf der dOCUMENTA (13) auf unterschiedliche Weise in einen Informationsaustausch mit den Kunstwerken: auditiv, visuell, taktil und emotional. 

Als Beispiel möchte ich eine Soundinstallation nennen, die sich in einer Lichtung in der Karlsaue befindet:

Janet Cardiff & Goerge Bures Miller,  for a thousand of years

Dieses Kunstwerk hatte ich nur deshalb gefunden, weil ich zufällig an diesem Waldstück vorbeigelaufen bin und laute Geräusche und Musik gehört habe. Es gab weder ein Hinweisschild noch einen Wärter der mir den Weg gezeigt hat. Ich wurde also allein von der Neugier angetrieben, genauso wie viele andere Besucher. Man hatte die Möglichkeit sich in dieser Lichtung auf Baumstämme zu setzen, die Augen zu schließen und einfach zuzuhören. Die Audiokomposition führte den Zuhörer von einer Situation in die nächste: herabstürzende Bäume, Schüsse, aufkommende Stürme, vorbeifahrende Züge usw. Durch die perfekte Koppelung der Lautsprecher ergab sich ein dreidimensionaler Raum, und mit ein wenig Phantasie konnte man sich z.B. den Zug so real vorstellen, dass man vor lauter Schreck die Augen aufreißen musste, um sicher zu gehen, dass man nicht doch plattgewälzt wird. Dies alles erschloss sich dem Rezipienten allein aufgrund seiner Vorstellungskraft und seinem Hörvermögen.

 

Cevdet Erek, Raum der Rythmen 

Befindet sich im 3. Obergeschoss des C&A-Gebäudes in Kassels Innenstadt. War ein komisches Gefühl, zuerst war man im chaotischen 2. OG des Kaufhauses, in der nachwievor der Handel betrieben wurde, und dann auf einmal in einer leeren Halle, bis auf zwei Tische und Stühle, einem langen weißen Vorhang, der wohl zur Raumabgrenzung dienen sollte und hier und da ein Lautsprecher, aus dem tiefe Bassklänge kamen. Der Betrachter weiß zunächst nicht, wie er mit diesem Kunstwerk umgehen soll, auch ich spazierte zuerst orientierungslos durch die Halle, bis ich den Lageplan und damit eine bewusst Raumeinteilung wie „Internationaler Stil“ oder „Soundschleuse“ fand. Mit dieser Information schlendert ich wiederum durch die Halle, um evtl. hier und da Unterschiede herauszuhören, was zum Teil auch der Fall war.

„Mit Raum der Rhythmen fordert Erek unsere Seh-und Hörwahrnehmung heraus, indem er die Bewegung des Körpers in den Raum als Weg zur körperlichen Erfahrung abstrakter Ideen integriert.“ (Das Begleitbuch)

 

Mika Taanila, The Most Electrified Town in Finland 

Untergebracht in der technologischen und wissenschaftsgeschichtlichen Sammlung der Orangerie. Dokumentiert in Zeitraffer den Bau des leistungsstärksten Atomkraftwerks und das Alltagsleben der Anwohner. Gerade nach aktuellen Katastrophen wie Fukushima oder Tschernobyl ein Kunstwerk, dass auf eigenartige Weise den Aufbau einer weiteren Risikofaktors mit verfolgt und dem Zuschauer mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt.

 

Pedro Reyes, Sanatorium

Mit eine der aufregendsten Erfahrungen auf der dOCUMENTA (13), weil so gar nicht wirklich klassisch künstlerisch. Das Sanatorium, gelegen im Herzen der Karlsaue, behandelte den Besucher wie einen Patienten, d.h. man wurde ähnlich wie in einer Praxis in der Eingangshalle empfangen und musste anschließend aus einem vielfältigen Angebot an Therapien wie z.B. vaccine against violence (Wutbewältigung, indem man einen Luftballon kaputthaut), goodoo (wie woodoo, nur umgekehrt), ex-voto (Abbilden emotionaler Erfahrungen und Auseinandersetzungen), cityleaks (anonymer Austausch von Geheimnissen).

Ich habe mich für eine goodoo-Therapie entschieden und folgte einem französischen Studenten, den ich aufgrund seines weißen Kittels als Therapeut identifizierte, in den goodoo-Raum. Dort wurde mir erklärt, dass ich einem lieben Menschen mit Hilfe von 5 Symbolen (ähnlich wie die Anhänger von Glücksarmbändern),  Gutes wünschen soll. Ich solle mir zu jedem Symbol eine Erklärung ausdenken und an welchen Stellen des goodoo-Puppenkörpers ich es anbringen will. Als Abschluss musste ich diese Wünsche aktivieren, indem ich mit gekreuzten Zeigefingern über die Punkte gehen solle und mich intensiv konzentrieren solle.

Ich muss zugeben, ich kam mir furchtbar lächerlich vor. Einer wildfremden Person etwas Intimes oder Persönliches zu erzählen, zumal es nicht mal im ernsthaften Rahmen einer wirklich Therapie passierte, hinterließ ein komisches Gefühl bei mir. Aber ein ordentlich Eindruck. Kommuniziert wurde hier auf einer fiktiven Ebene (man solle sich was ausdenken, manche Besucher logen auch).

 

Tino Sehgal

Eine Performance, die man im einem komplett abgedunkelten Raum im Hugenottenhaus, erleben konnte. Auch hier findet man kein Hinweisschild oder eine Erklärung, wie man sich zu verhalten hat. Von draußen betritt man einen schwarzen Gang uns biegt am Ende nach links ab und findet sich einem so schwarzen Raum wieder, in der man selbst die Hand vor Augen nicht sehen kann. Dafür kann man umso mehr hören: aus unterschiedlichen Stellen des Raumes ertönen Geräusche und Klänge, erzeugt von Menschen, ähnlich wie bei einer a cappela-Gruppe. Obwohl ich anfänglich ein beklemmendes Gefühl hatte, etwa wie in einer Geisterbahn, in der man auch fürchtet, was als nächstes kommt), gewöhnten sich meine Augen bald an die Dunkelheit und Tänzer wurden erkennbar.

 

Es gab neben obengenannten Beispielen noch viele andere Kunstwerke die den Betrachter auf unterschiedliche Weise herausgefordert haben.

Resultat:

Auf der dOCUMENTA (13) sind verschiedene Wahrnehmungssysteme erforderlich. Das „Sehen“ allein reicht nicht mehr aus, damit sich die Kunstwerke einem erschließen.

Durch verschiedene Kommunikationssysteme werden Rezipienten auf verschiedenen Ebenen (psychisch, Kinderstadium, emotional, auditiv, taktil, visuell, wissenschaftlich) erreicht.

Mal fühlt man sich wie ein Kind auf Entdeckungstour, mal als  hilfebedürftiger Patient, mal ertappt man sich weil man allein wegen seiner Vorstellungskraft real von irreal nicht mehr unterscheiden kann, mal hat man auf einmal Angst vor Dunkelheit.

Den „normalen“ Informationsaustausch zwischen einem Kunstwerk und mir konnte ich hauptsächlich in den klassischen Ausstellunghäusern finden, welche wiederum kaum Interesse in mir geweckt haben, so dass ich wie anfangs erwähnt, den Kern Barkagievs Aussage hauptsächlich in der Karlsaue und den anderen Austellungsräumen abseits der Hauptschauplätze fand.